Zeugenaussagen der Gerichtsverhandlungen

A b s c h r i f t.

C u x h a v e n, den 14. Juli 1922.

V e r h a n d l u n g:

Vor dem Unterzeichneten erscheint der Minenschlosser Kieseheier und sagt aus:

Ich war am 11. nachmittags beim Drücken von Minengefäßen beschäftigt. 5 Minengefäße waren aus den Ankern gehoben und in einer Reihe nebeneinander auf den Deckel gestellt. Als Unterlage dienten hölzerne Minenlagerklötze.

Ich hatte gerade die in den anliegenden, nach meinen Angaben aufgestellten Situationsplan das mit 1. bezeichnete Minengefäß auf 1,5 kg gedrückt und ließ die Luft ab. Ich stand am Handloch in gebückter Stellung und hatte die Überwurfmutter der Luftleitung gelöst, damit die Luft entweichen konnte. Plötzlich hörte ich im Auftriebsraum des Gefäßes einen Knall. Ich hatte das Manometer der Luftleitung im Auge. Es stand in diesem Augenblick auf 0,6 bis 0,8 kg. Ich bemerkte, wie eine Stichflamme nach den Fenstern in der Richtung, wo Fickbohm stand, aus dem Auftriebsraum herausschlug. Im selben Augenblick schrie Henzsehel von der anderen Seite des Magazins: „Feuer“. Ich brachte mich durch Tor A in Sicherheit.

V. g. u.

gez.: Kieseheier


Ferner erscheint der Magazinarbeiter Fickbohm und sagt aus:

Der nach Angaben von Kieseheier aufgestellte Situationsplan stimmt, soweit ich mich auf die Einzelheiten besinnen kann. Nur den Stand von Peper kenne ich nicht.

Wir hatten die Mine Nr. 1 unter Druck gehabt und nachdem Kieseheier die Schweißstellen mit Seifenwasser geprüft hatte, ließen wir die Mine noch einen Moment unter Druck stehen. Darauf ließ Kieseheier den Druck ab. Wie der Druck etwa halb abgelassen war, erfolgte in der Mine ein Knall in der Stärke, wie ihn etwa eine Handgranate verursacht. Gleichzeitig hörte ich ein klirrendes Geräusch, als wenn aus der Mine etwas herausgeflogen war, mit Schallrichtung von den leeren Ankern her. Von dem unteren Teil der Mine ging eine Flammen- und Qualmentwicklung aus. Die Mine verlor ihr Gleichgewicht, überschlug sich und kullerte auf die 5 leeren Anker zu.

Wie die Mine vor den leeren Ankern lag, bemerkte ich deutlich, daß ein Stück in Kopfgröße aus dem Gefäß herausgeschlagen war. Qualm- und Flammenentwicklung fand nun nicht mehr statt. Kieseheier und ich gingen, erschrocken wie wir waren, zur Arbeitsgruppe Rehm rüber, um mit den Arbeitskollegen über den sonderbaren Fall zu sprechen. Ich war aber innerlich so unruhig, daß ich auf Rehms Arbeitsplatz unmittelbar wieder umdrehte und zurückging, um noch einmal nach der Mine zu sehen. Ich sah dann, daß aus den eingesprengten Loch und aus dem Sprengbüchsenloch gelber Qualm herausströmte, und machte laut rufend die Arbeitskollegen darauf aufmerksam. Im selben Augenblick war der Minenschlosser Henzsehel im Begriff, von der anderen Seite des Magazins zu uns rüber zu kommen, und schrie schon auf dem Wege: „Die Mine brennt, raus aus dem Schuppen.“

Darauf sind wir so schnell wir konnten, alle durch Tor A (Der Skizze) davongerannt.

V. g. u.

gez: Markus Fickbohm


Es erscheint ferner der Minenschlosser Henzsehel und sagt aus:

Beim Drücken der Mine Nr. 1 (des Situationsplanes) bin ich selbst nicht beteiligt gewesen, ich war auf der anderen Seite des Magazins, etwa da, wo Kieseheier meinen Stand angegeben hat, am Schraubstock beschäftigt. Beim Ablassen der Luft hörte ich einen kolossalen Knall. Ich dachte im ersten Augenblick, daß Kieseheier beim Ablassen der Luft die Verschraubung zu weit gelöst hätte und dadurch das Gewinde der Verschraubung mit Schlauch ausgerissen werden wäre. Ich drehe mich um, sehe meine Kollegen weglaufen und aus den Sprengbüchsenlochverschluß eine Stichflamme von ungefähr 3/4 m Höhe mit etwas Rauch heraussteigen und sofort wieder verlöschen.

Um mir Gewißheit zu verschaffen, was vorgefallen war, will ich nach meinen Kollegen, die nach Rehm seiner Gruppe gelaufen waren, hingehen. Als ich die fünf zum Drücken aufgestellten Minen passiert hatte, sehe ich nochmals seitlich dorthin und sehe aus der Mine mit einmal wieder schwarzgelben Qualm heraussteigen. Im selben Moment kam auch Fickbohm mir entgegen und sah dasselbe und wir riefen beide mit allen Kräften: „Raus aus dem Schuppen, die Mine scheint auch noch loszugehen.“ Wir liefen darauf fort. Als wir kaum das Magazin verlassen hatten, erfolgte die Explosion.

V. g. u.

gez: Johannes Henzshel


G. v. o. B o d a n o w i t z, techn. Mar. Obersekretär.

(Unten rechts Vermerk: Situationsplan)

(Graphische Skizze / Situationsplan)

Situationsplan im Minenschuppen 40 nach Angaben Kieseheier.

  • Beschriftung oben / Erläuterungen:
  • a) Standort Kieseheier
  • b) „ Fiekbohm
  • c) „ Peper
  • d) „ Henschkel [Henzsehel]

  • Zeichnung Details:
  • Messkammer
  • Minen im Anker
  • 5 leere Anker
  • 5 Minen Kpl. zum Drücken (1, 2, 3, 4, 5)
  • Entlüftung
  • 4 Reihen Minen mit Anker
  • Freier Arbeitsplatz für Entreinigungsgruppe Rehm
  • 6/A Minen
  • Tore: Vor S. (Vor Süd / Tor S), Vor N. (Vor Nord / Tor A), W. Wall. (Westwall)



C u x h a v e n, den 21. Juli 1922.

V e r h a n d l u n g.

Vor dem Unterzeichneten erscheint der Werkführer Magnitz und sagt folgendes aus:

Nach einen 5 tägigen Urlaub vom 4. bis zum 8. Juli trat ich am Montag den 10 Juli, ein Tag vor der Explosionskatastrophe, meinen Dienst beim Depot wieder an. Ich überzeugte mich zunächst über die im Betriebe laufenden Arbeiten und kontrollierte dann die im Minenschuppen Nr. 40 auszuführenden Instandsetzungsarbeiten an den Minenankern und Minengefäßen. Die betreffenden Arbeiten wurden von den alten Arbeiterstamm in der gewohnten Weise ausgeführt. Ich konnte weder Unregelmäßigkeiten noch Verstöße gegen die Munitionsvorschrift beim Drücken der Minen auf Dichtigkeit feststellen. Am Nachmittag desselben Tages bin ich dann wieder zwecks Kontrollen im Schuppen 40 gewesen, wobei gerade die 18. Mine an der Reihe war. Da die bis dahin geprüften Minen keine Undichtigkeiten aufzuweisen hatten, sagte ich den Minenschlosser Kieseheier, er möchte mit der Druckprobe an den Minen nur bis zur 25. Mine fortfahren.

Die Instandsetzungsarbeiten an Minenmaterial sollten möglichst beschleunigt werden und so wollte ich erst mit den Vorstand des Minendepots Rücksprache nehmen, ob nach den bisherigen Ergebnissen ein weiteres Drücken der Minen noch erforderlich wäre und ob eine äußere Untersuchung nicht schon genügen würde.

Die betreffenden Arbeiten wurden in der gewohnten Weise fortgeführt, als am Dienstag nachmittag dann die Explosion erfolgte.

Nach nachträglichen Aussagen der Arbeiter ist die Katastrophe beim Drücken der 24. Mine herbeigeführt worden. Ich selbst befand mich während dieser Zeit in meinem Büro im Hauptgebäude bei den schriftlichen Arbeiten. Über die eigentliche Entstehungsursache der Explosion kann ich daher keine weiteren Angaben machen.

V. g. u.

gez.: Magnitz, Werkführer.


G. v. o.

gez.: W e n d e,

Beamter a. D.

Bürogehilfe

Zusammenfassung des Geschehens

Am 11. Juli 1922 kam es im Minenschuppen 40 des Minendepots Cuxhaven bei Instandsetzungs- und Druckprüfungsarbeiten (Abdrücken auf Dichtigkeit) an der 24. Mine (im Protokoll als Mine Nr. 1 des Tagessatzes bezeichnet) zu einem schweren Zwischenfall:

  1. Ablauf: Beim Druckablassen nach der Dichtigkeitsprüfung entwich nicht nur Luft, sondern es gab einen Handgranaten-ähnlichen Knall im Auftriebsraum des Minengefäßes.
  2. Brandausbruch: Aus dem Sprengbüchsenloch schlug eine Stichflamme heraus und gelb-schwarzer Qualm trat aus. Die Mine kippte um und wies ein kopfgroßes, herausgesprengtes Loch auf.
  3. Evakuierung: Die Arbeiter (Kieseheier, Fiekbohm, Henzsehel) erkannten die unmittelbare Explosionsgefahr, warnten die übrigen Belegschaftsmitglieder (Gruppe Rehm) und flohen durch Tor A nach draußen.
  4. Explosion: Kurze Zeit später detonierte die Mine/der Schuppen vollständig.