
Das XXX. Britische Korps im Elbe-Weser-Dreieck (April – Mai 1945)

Im April und Mai 1945 bildete das XXX Corps (30. Britisches Korps) unter dem Kommando der 2. Britischen Armee (General Sir Miles Dempsey) die Speerspitze des alliierten Vorstoßes nach Nordwestdeutschland. Der Auftrag im Raum zwischen Weser und Elbe – dem sogenannten Elbe-Weser-Dreieck – lautete, den verbliebenen deutschen Streitkräften den Zugang zu den Nordseehäfen zu verlegen, die Großstadt Bremen zu nehmen und bis zur Elbmündung nach Cuxhaven vorzustoßen.
Aus britischen Kriegstagebüchern und den Einsatzakten der 21st Army Group geht hervor, dass dieser letzte Feldzug trotz des bevorstehenden Kriegsendes von verbitterten Nachhutgefechten, massiven Verminungen und anspruchsvoller Logistik geprägt war.
1. Führungsstruktur und Personal
An der Spitze des Korps stand einer der dynamischsten Feldherren der British Army:
Korpskommandant:
- Lieutenant-General Sir Brian Horrocks (GOC XXX Corps). Horrocks, von Montgomery als „Jorrocks“ bezeichnet, führte den Verband seit August 1944. Er zeichnete sich durch seine Führung von der Vorderlinie und eine ausgeprägte kombinierte Rüstungs- und Logistikplanung aus.

Quelle: Imperial War Museum IWM
Divisionskommandeure im Elbe-Weser-Einsatz:
- Major-General Allan Adair (Guards Armoured Division): Kommandierte die elitäre Garde-Panzerdivision, die als schnelle Speerspitze über Zeven und Bremervörde vorstieß.
- Major-General Sir Gordon MacMillan (51st (Highland) Infantry Division): Führte die schottische Infanteriedivision bei der Einschließung Bremens und dem Durchbruch in Richtung Bremervörde.
- Major-General Sir Ivor Thomas (43rd (Wessex) Infantry Division): Stellte mit seiner schlagkräftigen Infanterie den Kern bei den Straßen- und Häuserkämpfen in Bremen und der Säuberung der Wesermarsch.
- Major-General Robert „Roy“ Urquhart (3rd Infantry Division): Beteiligt an den Operationen südlich und östlich von Bremen.
- Major-General Philip Christison / Major-General Hakewill-Smith (52nd (Lowland) Division): Unterstützte die Schließung des Belagerungsrings um Bremen.
2. Truppenstärke und unterstellte Verbände
Das XXX Corps war zu diesem Zeitpunkt kein reines Panzer- oder Infanteriekorps, sondern ein gewaltiger, hochmotorisierter Großverband. Je nach Operationsphase umfasste das Korps 50.000 bis 80.000 Mann einige tausend gepanzerte und Radfahrzeuge.
Wesentliche Truppenteile im Raum Elbe-Weser (Ende April 1945):
Panzer- und Aufklärungsverbände:
- Guards Armoured Division (Garde-Panzerdivision mit 5th Guards Armoured Brigade und 32nd Guards Infantry Brigade).
- 8th Armoured Brigade (Selbstständige Panzerbrigade zur Unterstützung der Infanterie).
- 2nd Household Cavalry Regiment (2 HCR): Die Korpstruppe für gepanzerte Fernaufklärung, deren Spähwagen (Daimler / Humber) oft Meilen vor den Hauptkolonnen die Vormarschstraßen erkundeten.
Infanterie-Divisionen:
- 43rd (Wessex) Infantry Division
- 51st (Highland) Infantry Division
- 3rd Infantry Division & 52nd (Lowland) Division
Unterstützungseinheiten:
- Commander Royal Artillery (CRA) XXX Corps:
Mehrere Regimenter mittlerer und schwerer Artillerie (Medium & Heavy Regiments), darunter Sextons, 25-Pfünder und 5,5-Zoll-Kanonen.
- No. 83 Group RAF (Tactical Air Force):
Bot mit Hawker Typhoons und Spitfires nahe Luftunterstützung (Cab Rank) gegen deutsche Artilleriestellungen und Panzerriegel.
1. Der Vormarsch im Elbe-Weser-Raum und die Kämpfe um Bremen und Zeven
(Mitte April bis Ende April 1945)
Ab Mitte April 1945 vollzog sich der Vorstoß des im Jahr 1941 in der nordafrikanischen Wüste gegründeten XXX Corps in zwei parallelen Hauptachsen, um den „Festungsgürtels Bremen“ zu zerschlagen und gleichzeitig einen schnellen Zangenangriff durch die Lüneburger Heide und das Zevener Geestland nach Norden auszuführen. Da der schnelle Vormarsch über 300 Kilometer von der ursprünglichen Rheinüberquerung bis an die Nordsee die Nachschublinien extrem strapazierte, musste der Kommandierende General Brian Horrocks Mitte April kurzzeitig hunderte LKW nach Westen zurückschicken. Dies war notwendig, um tausende Tonnen Munition für die geplante Artillerieentscheidung vor Bremen heranzuschaffen. Während ein Teil des Korps die Stadt Bremen einschloss, stieß die Guards Armoured Division (Garde-Panzerdivision) ab dem 19. April über Visselhövede und Rotenburg (Wümme) nach Nordwesten vor. Bei den anschließenden Gefechten um Zeven trafen die britischen Truppen auf hartnäckigen Widerstand des deutschen Ems - Korps, darunter Einheiten der 15. Panzergrenadier-Division, versprengten Marine-Alarmbataillonen sowie Einheiten der 7. Fallschirmjäger-Division. Dieser Vormarsch wurde täglich durch Panzerfaust-Hinterhalte an gesprengten Kanalbrücken und dicht verminte Waldschneisen verlangsamt.
Parallel dazu entwickelte sich der Kampf um die zur Festung erklärte Stadt Bremen, für deren Sturm General Horrocks vier Infanteriedivisionen (die 3rd, 43rd, 51st und 52nd Division) zusammenzog. Nach einer massiven Artillerievorbereitung und gezielten Luftangriffen der Royal Air Force (RAF) stießen die britischen Einheiten ab dem 25. April in die Außenbezirke der Stadt vor, woraufhin es zu schweren Häuserkämpfen kam. Während der anhaltenden Stadtkämpfe um Bremen erreichten Einheiten des XXX Corps etwa 50 Kilometer entfernt am 29. April 1945 das Kriegsgefangenen- und Auffanglager Stalag X-B Sandbostel nahe Bremervörde und befreiten dort über 15.000 entkräftete Kriegsgefangene sowie rund 8.000 KZ-Häftlinge aus Neuengamme. Um das dortige Massensterben umgehend zu stoppen, leitete General Horrocks unverzüglich umfassende Sanitäts- und Versorgungsmaßnahmen ein. Ebenfalls Ende April befreite die Gard-Panzerdivision im nahegelegenen Westertimke das Lager „MarLag und Milag Nord“, in dem sich zirka 8.000 alliierte Marine- und Handelsschiff-Gefangene befanden. In der Nacht zum 27. April brach schließlich auch der deutsche Widerstand im Stadtzentrum von Bremen zusammen, nachdem die 43rd Division das deutsche Gefechtskommando ausgeschaltet und den Stadtkommandanten gefangen genommen hatte.
Die letzte Etappe zur Nordsee, die Kapitulation und die militärische Bilanz (Anfang Mai bis 8. Mai 1945)

Nach dem Fall von Bremen und dem anschließenden Durchbruch bei Bremervörde schwärmten die gepanzerten Aufklärer des Korps, darunter das 2nd Household Cavalry Regiment, weiter nach Norden aus. Anfang Mai wurden die Übergänge über den Fluss Oste erkämpft und die Stadt Buxtehude gesichert. Mit dem Abschluss der Teilkapitulation der Wehrmacht in der Lüneburger Heide am 4. Mai schwiegen die Waffen im Operationsgebiet weitgehend. Am 7. und 8. Mai rückten die Truppen des XXX Corps formell in Wesermünde/Bremerhaven und Cuxhaven ein. In Cuxhaven übergab Kapitän zur See Herbert Sorge die Stadt kampflos an die Briten. Mit dem Erreichen von Cuxhaven endete der aktive Kampfeinsatz des XXX Corps im Zweiten Weltkrieg, woraufhin die Einheit als Besatzungsmacht die Verwaltung und die Entwaffnung im Raum Niedersachsen übernahm.
Die britischen Archivakten unterstreichen rückblickend,
dass der Erfolg des Korps neben der logistischen Meisterleistung bei der LKW-Munitionsbeschaffung maßgeblich auf dem Prinzip der verbundenen Waffen beruhte. Das reibungslose Zusammenspiel von Panzern, hochmobiler Infanterie, schwerer Korps-Artillerie und der taktischen Luftwaffe sicherte dem XXX Corps bei allen wesentlichen militärischen Zusammentreffen eine erdrückende Feuerüberlegenheits-Marge.
Als exklusive Auszeichnung nach Kriegsende erhielten die Soldaten des britischen XXX. Armeekorps eine vergoldete Erinnerungsmedaille. Voraussetzung dafür war die Zugehörigkeit von der ersten Stunde an, einschließlich des gesamten Weges von Afrika bis zur Elbmündung in diesem traditionsreichen Verband.
Die Jahreszahlen 1942–1945 und die Ortsangaben markieren den exakten historischen Weg der Einheit. Vom Wendepunkt des Wüstenkrieges in Afrika (El Alamein) über die Invasion in der Normandie bis hin zum finalen Vorstoß und der Kapitulation der deutschen Truppen an der Elbmündung (Cuxhaven).
Die Symbole auf der Medaille spiegeln die militärische Reise und die Unterstellungen des Verbandes wider. Das zentrale springende Wildschwein ist das offizielle Erkennungszeichen des XXX. Korps und steht für dessen Zähigkeit. Umgeben wird es von den Wappen der drei Großverbände, unter denen das Korps kämpfte: Der Stern auf der linken Seite repräsentiert die britische 8. Armee aus dem Afrikafeldzug. Das Wappen oben (Kreuzschwert auf Schild) steht für die 21. Armeegruppe, die den D-Day koordinierte, und das Wappen rechts zeigt das Emblem der 2. britischen Armee, unter der das Korps den finalen Vormarsch bis nach Cuxhaven bestritt.

Quellen:
Britische Militärarchive (The National Archives, Kew)
- WO 171/256–258: HQ XXX Corps War Diary (Kriegstagebuch des Korpsstabs).
- WO 171/414–416: Guards Armoured Division War Diary (Vormarsch Zeven / Bremervörde).
- WO 171/435: 43rd (Wessex) Infantry Division War Diary (Schlacht um Bremen).
- WO 171/852: 2nd Household Cavalry Regiment War Diary (Aufklärungsberichte).
- WO 205: 21st Army Group HQ Papers (Kapitulation & Internierungsgebiet II).
- AIR 27: No. 83 Group RAF Operations Record Books (Luftunterstützung).
Deutsche Archive & Dienststellen
- BArch RM 35 / RM 45: Kriegstagebücher MOK Nord & Abschnitt Cuxhaven (KtzS Herbert Sorge).
- BArch RM 122: Akten der Marine-Flak- und Marine-Artillerie-Abteilungen (u. a. MaFla 214, MAA 114/224).
- Stadtarchiv Cuxhaven (Bestand 1945): Übergabeprotokolle, Verwaltungsakten & Funkberichte vom 6.–8. Mai 1945.
Gedruckte Literatur & Erinnerungen
- Ellis, L. F. (1968): Victory in the West, Vol. II: The Defeat of Germany (Offizielle britische Kriegshistorie).
- Horrocks, Brian (1960): A Full Life (Memoiren des Korpskommandanten).
- Verney, G. L. (1954): The Guards Armoured Division: A Short History.
