Der Untergang von Torpedoboot "S 42" vor Cuxhaven

In der Nacht zum 24. Juni 1902 kam es in der Elbmündung vor Cuxhaven zu einer folgenschweren Kollision zwischen dem Torpedoboot „S 42“ der 2. Torpedo-Abteilung aus Wilhelmshaven und dem britischen Kohlendampfer „Firsby“. Das deutsche Boot sank infolge des Zusammenstoßes unmittelbar bei der Kugelbake innerhalb weniger Minuten in eine Wassertiefe von zehn Metern. Während 15 Besatzungsmitglieder teils mit schweren Verletzungen gerettet werden konnten, verloren fünf Mariner ihr Leben. Zu den Todesopfern zählten der Kommandant Kapitänleutnant Rosenstock von Rhönede, der Obermaschinistenmaat März, der Maschinistenmaat Brilwagen, der Matrose Reimers sowie ein Heizer.

Zum Unglückszeitpunkt befanden sich neben der Stammbesatzung auch zivile Gäste an Bord, unter ihnen der namhafte Berliner Professor Geheimrat Busley und englische Begleiter.


Unmittelbar nach dem Unglück wurden umfangreiche Bergungs- und Untersuchungsmaßnahmen eingeleitet. Bereits am 24. Juni 1902 trafen der Werftdampfer „
Kraft“ sowie die Torpedoboote „S 15“ und „S 26“ zur Unterstützung in Cuxhaven ein. Die unter der Leitung von Kapitänleutnant von Lengerke begonnenen Taucherarbeiten erwiesen sich aufgrund der starken Strömung als äußerst schwierig und blieben zunächst ohne Ergebnis.
Da eine Hebung des Wracks trotz der Tiefe als aussichtsreich galt, wurde der Nordische Bergungsverein mit den Arbeiten betraut. Zeitgleich begutachteten Experten wie der Geheim - Baurat Beitz und Korvettenkapitän von Wenzell die Unfallstelle, um Untersuchungen einzuleiten und den Materialschaden zu bewerten, der auf etwa
150.000 Mark geschätzt wurde.

Obwohl das genaue Datum der Bergung nicht überliefert ist, wurde „S 42“ im Anschluss zur Werft überführt, instand gesetzt und für den weiteren Dienst in der Kaiserlichen Marine erneuert. Das Schiff verblieb daraufhin bis zu seiner endgültigen Ausmusterung am 27. Oktober 1920 im Bestand der Marine, zuletzt als Teil der Reichsmarine.

M.B.

Das Torpedoboot "S 42" in besseren Tagen.

So könnte sich die Situation vor der Kugelbake damals zugetragen haben.

Die geborgene "S 42" schwimmt wieder, im Hintergrund die Grimmershörnbucht.

Nach der Bergung ist der Hebedampfer "Kraft" auf dem Weg zur Werft, im Hintergrund die Grimmershörnbucht.
Die Kartenbeschriftung lautet: Döse — Zur Erinnerung an die Zeugnisaufnahme während der Hebung des Torpedobootes S 42 und Bestattung der Verunglückten.
Herzliche Grüße, ... [Unterschrift]


Torpedoboot „S 42“ bei Cuxhaven untergegangen.

Cuxhaven, 24. Juni. Heute Nacht 12 Uhr 20 Minuten wurde das Torpedoboot „S 42“ von dem ausgehenden englischen Dampfer „Firsby“ angerannt. Das Torpedoboot sank in wenigen Minuten. Kommandant Rosenstok von Rhoenede und 4 Mann der Besatzung ertranken, während 15 Mann von dem englischen Schiffe gerettet wurden.

Berlin, 24. Juni. Zu dem Unglück des Torpedobootes „S 42“ wird dem „Berl. Tgbl.“ noch depeschiert: Das Torpedoboot „S 42“ ist auf 10 Meter Wassertiefe gesunken. Eine Hebung hält man nicht für ausführbar. Der englische Dampfer „Firsby“ wird wegen des Zusammenstoßes vorläufig in Cuxhaven festgehalten. Das Torpedoboot „S 106“ ist von Wilhelmshafen zur Hilfeleistung abgegangen.

Berlin, 24. Juni. Zu dem Untergange des Torpedobootes „S 42“ berichtet noch der „Lok. Anz.“, daß von der geretteten Besatzung 4 Mann schwer verwundet sind. Die Untergegangenen sind sämtlich von der Wilhelmshafener 2. Torpedo-Abteilung. Während des Unfalles befanden sich an Bord 24 Mann Besatzung, 4 englische Herren mit einem Diener und Geheimrat Busley, der bekannte Professor an der Berliner technischen Hochschule, die von der Dover-Helgoland-Regatta kamen. Der Kaiser hat wegen des Unglücksfalles die Teilnahme an dem Festessen des Regattavereins abgesagt und fuhr um 4 Uhr Nachmittags auf der „Hohenzollern“ nach Kiel. Die Namen der Ertrunkenen sind: Kommandant, Kapitänleutnant Rosenstok von Rhönede, Obermaschinistenmaat März, Maschinistenmaat Brilwagen, Matrose Reimers und ein Heizer des Schiffes.


Zum Untergang des Torpedobootes
„S 42“

meldet uns unser Cuxhavener Correspondent Folgendes:

Cuxhaven, 24. Juni.1902

Zur Vornahme von Taucherarbeiten bei dem gesunkenen Torpedoboote „S 42“ sind hier der Werftdampfer „Kraft“ von Wilhelmshaven, sowie die Torpedoboote „S 16“ und „S 28“ seit heute anwesend. Der Werftdampfer „Kraft“ traf heute Morgen kurz nach 8 Uhr von See kommend hier ein, während das Torpedoboot „S 16“ schon um 7 ½ Uhr von Wilhelmshaven hier einlief. Commandant des Kanonenbootes ist Capitänleutnant v. Lengerke. Man begann schon heute Morgen früh mit den betreffenden Arbeiten. Wegen der starken Strömung konnten jedoch die Taucher bei dem Wrack keinen Halt fassen. Um 10 Uhr Vormittags wurde der zweite Niedergang der Taucher veranstaltet, ohne besondere Ergebnisse zu erzielen. Der Werftdampfer „Kraft“ kam darauf in den Hafen zurück und ging mit zwei Minenlegern kurz vor 3 ½ Uhr wieder in See. Heute Abend lag die „Kraft“ wieder im neuen Hafen am Westquai. Ob irgend welche Resultate erzielt sind, ist bis heute Abend nicht bekannt. Es ging allerdings im Laufe des Nachmittages das Gerücht, daß von den Tauchern im Innern des Torpedobootes drei Leichen gefunden seien, welche geborgen werden könnten — der Commandant sei nicht im Raume gefunden —; jedoch entbehren diese und ähnliche Nachrichten bislang jeder Bestätigung. Überhaupt cursiren augenblicklich über den schrecklichen Unglücksfall hier so widersprechende Berichte, daß wohl erst eine Untersuchung von zuständiger Seite Klarheit bringen wird.

Dem Bericht eines Augenzeugen, offenbar des Geheimraths Busley, der im „Berl. Loc.-Anz.“ abgedruckt ist, entnehmen wir Folgendes: Das Torpedoboot „S 42“, von Helgoland kommend, hatte drei englische Herren und deren Diener mitgenommen. Nach Passieren des letzten Elbfeuerschiffes war ich unter Deck gegangen. Kaum oben wieder angelangt, wurde ich von einem Engländer nach vorn gerissen, und im selben Moment erfolgte der Zusammenstoß. Das Torpedoboot wurde am Achter-Steuerbord getroffen und verlor fast den ganzen

hinteren Theil bis zum hinteren Thurm. Ein in diesem Theil anwesender Matrose war unrettbar verloren, ebenso zwei dort schlafende Maschinistenmaate. Der Commandant Capitänleutnant v. Rhöneck befahl sofort: „Schotten dicht!“, was ausgeführt wurde. Er hoffte, das Boot zu halten und wollte die Anker fallen lassen, um ein Abtreiben aus dem Fahrwasser zu verhüten. Das Ankermanöver mißlang jedoch wegen der Dunkelheit. Der Maschinenraumschott gab nach, das Wasser drang in den Maschinenraum und das Boot senkte sich. Nun wurde das Rettungsboot klar gemacht, die Leute ließen zuerst die vier Engländer einsteigen, dann folgten auf Befehl des Commandanten noch andere Leute, Heizer, die nicht schwimmen konnten. Das Boot blieb auf Befehl beim Torpedoboot. Da brach der Kesselraumschott. Als das Wasser in die Kessel drang, kamen die drei im Heizraum weilenden Heizer, zum Theil verbrannt, durch die aus den verlöschenden Feuern schlagende Flamme an Deck. Jetzt befahl der Commandant, die Schwimmgürtel anzulegen. Das Rettungsboot war überfüllt, es kam längsseits des Torpedoboots, und einer der Leute verließ es freiwillig und kam zu uns an Bord zurück. Nach Aufforderung des Commandanten gab noch einer der im Rettungsboot befindlichen Leute seinen Schwimmgürtel an die an Bord stehenden Leute ab. Das Torpedoboot sank jetzt schneller. Als der vordere Schornstein verschwand, sprangen etwa vier oder fünf Mann über Bord. Der Rest der Mannschaft, bestehend aus dem Commandanten, dem Obermaschinisten, einem Maaten und einigen Heizern, versank mit dem Torpedoboot. Der Strom trieb Alle gegen den Dampfer „Firsby“, welcher uns angerannt hatte und zur Rettung herbeikam. Das Torpedoboot hatte sich etwa 10 bis 12 Minuten gehalten, so daß „Firsby“ Zeit hatte, herbeizukommen. Er nahm die Schwimmenden auf, die sämtlich gerettet wurden mit Ausnahme des Commandanten welcher beim Schwimmen zum Dampfer untersank. Somit sind dank der musterhaften, über alles Lob erhabenen Führung der Mannschaft alle Leute gerettet worden, die an Bord überhaupt rettbar waren. Von 28 Personen sind nur vier verloren; denn das Rettungsboot erreichte einen Leichter, welcher die Insassen aufnahm. Die Mannschaft des Schultorpedobootes bestand größtenteils aus jungen Heizern, die zum ersten Male überhaupt auf See fuhren, um so anerkennenswerter blieb ihre Ruhe und die Disziplin, mit der sie die Befehle ausführten, das einzig tröstende Moment bei diesem erschütternden Unglück.

Weiter liegen noch folgende Nachrichten vor:

Cuxhaven, 25. Juni. Taucher fanden, daß das Torpedoboot schnell versandet; wenn ein Hebungsversuch unternommen werden soll, so muß es jetzt geschehen. Wie verlautet, beginnt der nordische Bergungsverein morgen damit.

Cuxhaven, 25. Juni. Der Dampfer „Firsby“ ist noch hier; er wurde auf Wunsch des Kaisers vom Reichsmarinefiscus mit Arrest belegt, weil die Reederei für den Verlust des Torpedobootes ersatzpflichtig gemacht wird. Er soll nur gegen Hinterlegung von 500 000 ℳ freigelassen werden. Die Reederei beharrt auf ihrem gegenteiligen Standpunkt.

Wilhelmshaven, 24. Juni. Der mit dem Schiff in die Tiefe gegangene Capitänleutnant Georg Rosenstock v. Rhöneck galt als besonders gewandter, aufmerksamer Commandant, dem für die großen Herbstübungen die Führung des neuen Doppelschrauben= bootes „S 95“ übertragen werden sollte. Er war am 14. April 1890 in die Marine eingetreten, wurde am 22. Mai 1893 Unterleutnant zur See (II. Torpedoabteilung), am 29. August 1896 Oberleutnant zur See (als solcher war er an Bord von Schiff „Condor“ auf der ostafrikanischen Station, auf Schiff „Pfeil“ und Torpedo Divisionsboot „D 9“). Am 13. April 1902 wurde er zum Capitänleutnant befördert. Das unter seinem Befehl stehende Torpedoboot „S 42“ war eines der älteren Boote und diente mit „S 15“ und „S 23“ als Schulboot. Ein Schwesterschiff „S 41“ ging im Herbst 1895 bei dem stürmischen Marsch der Herbstflotte in der Jammerbucht unter. Übrigens ist unweit der Unfallstelle des Bootes „S 26“ im September 1897 der jugendliche Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg - Schwerin, damals Commandant des Torpedobootes „S 26“ mit seinem Boot in die Tiefe gesunken. Da die Wassertiefe 10 m beträgt, ist eine Hebung des Bootes kaum ausführbar. Das Doppelschraubenboot „S 106“ ist zur etwaigen Hilfeleistung heute in aller Frühe in See gegangen. „S 106“ kam heute Abend 7 Uhr von Cuxhaven hier an. Außer den Geretteten von „S 42“ befand sich der Commandeur der 2. Torpedo=Abtheilung Corvettencapitän Wilbrand an Bord. Der Werftdampfer „Kraft“ ist heute Nachmittag 2½ Uhr nach Cuxhaven zur Unfallstelle in See gegangen. Der stellvertretende Ausrüstungsdirector der hiesigen kaiserlichen Werft, Corvettencapitän z. D. v. Briegleb, sowie Kriegsgerichtsrath Leiz sind ebenfalls nach Cuxhaven abgereist, Letzterer behufs Vornahme von Untersuchungen. Die Leichen der Verunglückten sind bis jetzt noch nicht gefunden. Der Materialschaden bei dem Untergang des Torpedoboots „S 42“ beträgt 150 000 ℳ.