Gefechts-Chronik des Ems-Korps im Elbe-Weser-Raum

17. April bis 5. Mai 1945

(Aufstellung Kampfgruppe Krumbholz ab 22.04.1945)

Die wesentlichen Grundlagen dieser Auswertung, bilden das Kriegstagebuch des Admirals Nord (1944/45) sowie die Befehle und Aufzeichnungen des Korps Ems. Die Dokumente führen uns die bittere Realität der Kämpfe im Elbe-Weser-Dreieck im Frühjahr 1945 schonungslos vor Augen. Der Vormarsch der alliierten Truppen und die verbissene deutsche Verteidigung führten zu schweren Gefechten, die auf beiden Seiten unzählige Menschenleben forderten. Diese Soldaten, die auf den Kriegsgräberstätten unserer Heimatregion bestattet sind, bilden heutzutage ein dauerhaftes Mahnmal für Frieden und erinnern uns an die grausame Sinnlosigkeit des Krieges.

I. (17.-18. April) Ausgangslage: Die Marine muss eine Landfront aufbauen

Die entscheidende Voraussetzung für die späteren Kämpfe war die zunehmende Herauslösung von Marinekräften aus ihren eigentlichen Aufgaben.

Bereits am 17. April war für den Bereich des Seekommandanten Ostfriesland die Landkampfführung einschließlich der Festungen Emden und Wilhelmshaven sowie der vorgelagerten Inseln dem Fallschirmjäger-Armee-Oberkommando 1 übertragen worden. Damit entstand ein Muster, das wenige Tage später auch im Bereich Elbe-Weser angewandt werden sollte. Die Marine blieb für ihre eigentlichen Marineaufgaben zuständig, während die Landkampfführung zunehmend dem Heer übertragen wurde. Für den Raum zwischen Weser und Elbe war diese Regelung zunächst noch nicht endgültig getroffen. Am 18. April wurde deshalb geprüft, welche Kräfte für die Verteidigung der Festungen selbst, überhaupt benötigt würden.

Vorgesehen waren dafür:

Eine exakte, einheitliche Sollstärke für jedes Marine-Festungs-Bataillon lässt sich auf Grund damaliger kriegsbedingter Faktoren für die letzten Monate nicht einfach nur mit einer festen Zahl angeben.

  • planmäßig / vollständig, ca. 700–900 Mann
  • realistische Einsatzstärke 1945, ca. 500–700 Mann
  • stark geschwächt oder nach Abgaben, ca. 300–500 Mann

Festungen - Vorgesehene Sicherheitsbesatzung

  •  Wesermünde - 5 Bataillone
  •  Cuxhaven  - 4 Bataillone
  •  Brunsbüttel  - 8 Bataillone
  •  Helgoland  -1 Bataillon



Für Sylt war eine gesonderte Regelung vorgesehen.

 

Gleichzeitig wurde festgestellt, dass bei einer Einschließung der Festungen starke Teile der an der Front eingesetzten Kräfte in die eigenen Abschnitte zurückgenommen werden müssten. Es handelte sich hierbei nicht nur um eine theoretische Möglichkeit, sondern um einen ausdrücklich vorgesehenen Teil der Verteidigungsplanung.
Die ausgewerteten Kriegstagebücher stellrn gleichzeitig fest, dass der vorhandenen Personalbestand nicht ausreichte, um sämtliche vorgesehenen Kampfstärken zu erreichen.


Personalbesetzung und Aufstellung des Generalkommando Armeekorps Ems am 14.04.1945


II. (20. April) Die Brücken über Hamme und Oste werden zum potentiellen Hauptziel

Am 20. April wurde der Elbe-Weser-Raum erstmals ganz eindeutig als gefährdeter Frontabschnitt behandelt. Die alliierte Front war über Buxtehude und Zeven nach Norden vorgestoßen. Die deutsche Führung befürchtete einen Angriff in Richtung Zeven, Bremervörde und Wesermünde. Der Seekommandant Elbe-Weser erhielt umgehend den Auftrag, die Flussübergänge in Hechthausen, Bremervörde und Gnarrenburg zu sichern. Die Stärke der Operation sollte so bemessen sein, dass die Brücken bis zum Abschluss der Sprengvorbereitungen gehalten werden konnten.

Es ging hierbei nicht darum, jede Brücke um jeden Preis zu halten. Die Aufgabe war viel mehr, Zeit zugewinnen, Brücke sichern, Sprengung vorbereiten und bei übermächtigem Angriff zurückzuweichen.

Eine entsprechende Anweisung wurde ausdrücklich auch an das Gen.Kdo. Ems-A.K. und den Erkundungsstab Oberst Krumbholz gegeben. Am selben Tag noch wurde angeordnet, die Brückensicherung bei Bremervörde und Gnarrenburg nocheinmal zu verstärken, weil ein kurzfristiger Vorstoß der britischen Truppen auf Wesermünde für möglich gehalten wurde.

Die Abwehrriegel der Hamme - Oste - Linie

Der Aufbau der Verteidigungslinien wurden nach ihrer Festlegung durch den Erkunderstab behelfsmäßig von Truppenteilen der Wehrmacht, von Kriegsgefangenen und dem Volkssturm errichtet. Sie bestanden nicht aus Betonfestungen, sondern aus Feldbefestigungen. Natürliche Hindernisse wie Flüsse, Moore und Kanäle wurden durch Schützengräben, Panzersperren, Minenfelder und der Sprengvorbereitung sämtlicher Brücken ergänzt. Den vordersten Hauptwehrriegel bildete die Grüne Linie (Oste-Hamme-Linie), die von Bremen über Zeven, Gnarrenburg und Bremervörde bis nach Lamstedt verlief und mit Erdbunkern sowie Maschinengewehr-Nestern ausgebaut war.

Unmittelbar dahinter lag die Gelbe Linie als Zwischenstellung im Raum Wesermünde – Bederkesa - Otterndorf, die aus eilig aufgeworfenen Infanteriestellungen und Straßensperren bestand, um durchgebrochene Panzerverbände abzufangen. Den innersten Ring bildete die Blaue Linie unmittelbar um den Festungsbereich Cuxhaven und Bremerhaven, die sich auf die fest eingebauten schweren Marine-Flak- und Küstenbatterien stützte.


III. (20./21. April) Die ersten Marine-Alarmverbände werden in den Frontabschnitt verlegt

In der Nacht bzw. am 21. April wurden zuerst die Marine-Alarm-Bataillone 747 und 748 aus dem Raum Sylt herangeführt. Das Marine-Alarm-Bataillon 702 aus dem Raum Brunsbüttel-Nord zog vorerst in Richtung Brunsbüttel-Süd und anschließend ebenfalls weiter in den Elbe-Weser-Raum nach Balje.

Der Aufbau der Hamme-Oste-Stellung begann damit praktisch mit einer Mischung aus Marine-Alarmbataillonen, Festungsverbänden, Inselbataillonen sowie improvisierten Heeres-/Marineverbänden.


IV. (21. April) Die Hamme-Oste-Linie wird zur eigentlichen Verteidigungsstellung

Am 21. April legte der Admiral Deutsche Bucht die Grundsätze für den Einsatz der Marinekräfte zwischen Weser und Elbe fest.


Die Kräfte sollten drei Aufgaben erfüllen:

  1. Verstärkung der Festungen
  2. Verteidigung der Hamme-Oste-Linie
  3. Einsatz von Teilkräften als vorgelagerte Sicherungs- und Abwehrstellung.

Die geplante Sicherheitsbesatzung für die Festungen betrug insgesamt etwa 11 Bataillone mit rund 5.500 Mann. Tatsächlich waren allerdings erheblich mehr Kräfte vorhanden. Nämlich etwa 15 Bataillone und 20 Kompanien mit rund 9.397 Mann, allerdings mit einer für den Feldkampf völlig unzureichenden Bewaffnung.

Das Kriegstagebuch weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Kräfte zwar zur Festungsbesetzung ausreichten, aber nicht ohne weiteres als vollwertige Feldtruppen betrachtet werden konnten. Das erklärt sehr viel von der späteren Kampfkraft der Marineverbände.

Sie Truppen waren zahlenmäßig vorhanden, aber:

  • nicht ausreichend mit Gewehren ausgestattet
  • nicht für den Erdkrieg ausgebildet (Teilweise Schiffsbesatzungen)
  • meist ohne schwere Waffen
  • vielfach erst kurzfristig aufgestellt worden


Gesamtlänge des Frontverlaufes der Hamme - Oste Linie zu diesem Zeitpunkt 110 Kilometer.

Die Gesamtstärke des Korps betrug zu diesem Zeitpunkt etwar 16.000 Kräfte. Zu den unterstellten Verbänden gehören unter anderem die Division Gilbert, die Kampf-Kommandantur Bremen, die Division z.b.V. Nr. 172, die Division Nr. 480, die 2. Marine-Infanterie-Division, die 15. Panzer-Grenadier-Division sowie Korps-Reserven.


Personalbesetzung des Gkdo.Ak.Ems 21.04.45 und Schätzung der Stärke des Gegners 23.04.1945 Ems am 23.04.45


V. 22.April Der Gegner rückt nach Norden vor

Gesamtsituation und feindliche Angriffe am Tag

Die Lage des Korps verschärfte sich zusehends, da überlegene feindliche Kräfte aus dem Südosten, Osten und Nordosten immer weiter andrängten. Während die Südfront von Bremen von Angriffen verschont blieb und es im Stadtgebiet selbst bis auf gegenseitiges Artilleriefeuer zunächst ruhig war, zeichnete sich das Hauptziel des Gegners klar ab, die Einnahme Bremens von Osten her. Den gesamten Tag über führten starke feindliche Verbände mit 30 bis 40 Panzern und aufgesessener Infanterie aus dem Raum Baden/Weser intensive Angriffe nach Norden und Nordwesten durch.

Die Kämpfe um Rotenburg und Erfolge im Hinterland

In den Mittagsstunden gelang dem Feind nach tagelangen, verlustreichen Kämpfen der Einbruch in den Ortsstützpunkt Rotenburg. Die Angreifer nutzten dabei eine Schwachstelle im nördlichen Abschnitt jenseits der Wümme aus, der nur unzureichend besetzt war, und umfassten die Stadt. Bis zum Abend konnten die feindlichen Truppen den Widerstand weitgehend brechen und Rotenburg komplett besetzen. Ein weiteres Vordringen aus der Stadt heraus wurde jedoch durch das wirkungsvolle Abwehrfeuer des Werfer-Ausbildungs-Regiments 2 unterbunden.

Parallel dazu verzeichnete die 15. Panzergrenadier-Division im Hinterland nördlich von Rotenburg Erfolge. Im Raum Elsdorf-Heeslingen bekämpfte sie feindliche Panzeransammlungen wirksam. Zudem gelang es durch gezielte Kommando-Unternehmen im Rücken des Gegners, Nachschubwege zu verminen sowie drei Panzer und zwei Panzerspähwagen zu vernichten. In einem raschen Zugriff konnte darüber hinaus der Ort Frankenbostel zurückerobert werden.

Vormarsch an der Weser und Luftangriff auf Bremen

Am Nordufer der Weser stieß der Gegner in harten Kämpfen über Achim bis nach Uphusen vor, um den Druck auf Bremen weiter zu erhöhen. Der zäh verteidigte Stützpunkt Achim fiel in feindliche Hand, woraufhin die Truppen bis auf zwei Kilometer südlich der Reichsautobahn bei Bassen vorrückten. Gegen 19:00 Uhr folgte ein schwerer britischer Luftschlag. Etwa 600 Bomber griffen das Stadtgebiet von Bremen an und konzentrierten ihre Bombardements vor allem auf den Südostteil der Stadt.

Kesselschlacht bei Soltau und Beruhigung im Nordabschnitt

Ostwärts von Soltau geriet die Kampfgruppe Grosan in eine äußerst kritische Lage. Nach tapferer Verteidigung wurde die Einheit durch gegnerische Angriffe aus Norden und Nordwesten auf engem Raum zusammengedrängt. Da ein geschlossener Ausbruch mangels Munition, es stand nur noch Handwaffenmunition zur Verfügung, aussichtslos war, erhielt die Truppe den Befehl, sich in einzelnen Gruppen nach Nordwesten zu den eigenen Linien durchzuschlagen. Im Nordabschnitt zwischen Zeven und Elsdorf gelang es derweil der 15. Panzergrenadier-Division, den gegnerischen Angriff durch einen Gegenangriff zu stoppen und das feindliche Vordringen nach Westen vorerst zu unterbinden.

Als Reaktion auf die dramatische Entwicklung erließ das Generalkommando den Korps-Befehl Nr. 13.
Der Kampfkommandant erhielt die Weisung, den Verteidigungsbereich durch eine Verstärkung der Ostfront von Bremen zu halten und eine Rundumverteidigung vorzubereiten. Die 15. Panzergrenadier-Division, der die 2. Marine-Infanterie-Division unterstellt wurde, sollte im Angriff verbleiben, um eine britische Garde-Panzer-Division zum Abdrehen zu zwingen und einen Durchbruch von Scheeßel nach Südwesten und Westen zu verhindern. Zudem wurde wegen eklatanten Treibstoffmangels eine strengste Sparsamkeit beim Verbrauch angeordnet. Trotz des feindlichen Vordringens bezahlte der Gegner seinen Vormarsch teuer: Insgesamt verlor er inklusive des Vortags 29 Panzer sowie 10 Panzerspähwagen, was vor allem auf das Konto der 15. Panzergrenadier-Division und der 172. Division ging.


1. (22. April) Aufstellung und Führung der Kampfgruppe Krumbholz

Oberst Paul Krumbholz (1897–1945) war ein erfahrener Heeresoffizier der Deutschen Wehrmacht. Seine militärische Laufbahn begann bereits im Ersten Weltkrieg, und er diente bis zum Frühjahr 1945 in verschiedenen Truppen- und Stabsfunktionen des Heeres und der Marine. Im Zuge des britischen Vormarsches wurde er zur Unterstützung in den Nord- bzw. Küstenbereich (Wehrkreis X) versetzt. Im Auftrag des Admirals Deutsche Bucht übernahm Oberst Krumbholz am 22. April 1945 die Führung einer eilig improvisierten, rund 2.300 Mann starken Kampftruppe, die unmittelbar seinen Namen trug.

Aufstellung der KG.Krumbholz 23.04.

Dem Kommandeur standen zu diesem Zeitpunkt folgende Truppenverbände zur Verfügung:

  • das Rest Inselbataillon 351 (Einsatzraum: Bremervörde – Glinde),
  • das Marine-Alarmbataillon 747 (Einsatzraum: Ostendorf Bremervörde – Oldendorf bei Himmelpforten),
  • das Rest Alarmbataillon 4 (Einsatzraum: Hechthausen – Bornberg/Hornburg) sowie
  • das Marine-Alarmbataillon 748 (Einsatzraum: Neuland – Schüttdamm bei Osten).


Zusätzlich wurden die bereits zuvor im Einsatz befindlichen Teile des Inselbataillons
351 und des Alarmbataillons 4 vollständig in die Kampfgruppe Krumbholz eingegliedert.

2. Auftrag und operative Funktion der Kampfgruppe

Der Hauptauftrag der Kampfgruppe war sehr klar formuliert, sie sollte die Hamme-Oste-Linie über Bremervörde einschließlich bis zur Elbe verteidigen. Dabei waren insbesondere die über diese Linie führenden Straßen und Übergänge so lange wie möglich passierbar zu halten. Um die Verteidigung effektiv zu sichern, wurden zwischen den einzelnen Schwerpunktabschnitten in regelmäßigen Abständen stark gesicherte Posten eingerichtet. Für den Fall heftiger feindlicher Angriffe, bei denen ein Erfolg aussichtslos gewesen wäre, war vorgesehen, dass die Kampfgruppe auf die andere Elbseite nach Brunsbüttel-Süd sowie in Richtung Cuxhaven zurückweicht.

Die operative Funktion der Einheit war somit eindeutig bestimmt. Sie war kein isolierter Kampfverband, sondern bildete die vorgelagerte Landverteidigung der Festungsbereiche Wesermünde und Cuxhaven nach Osten- und Südosten hin. Ihre Aufgabe bestand ausschließlich darin, den gegnerischen Vormarsch möglichst lange von diesen Festungsabschnitten fernzuhalten.

3. Unterstellungsgrenze Kampfgruppe Krumbholz zum Ems-Korps

Die rechte Unterstellungsgrenze zur damaligen Führung des Generalkommandos Ems-A.K. (Ems-Korps) wurde ausdrücklich festgelegt. Sie verlief über die Ortschaften Oerel, Bevern, Deinstedt und Grafel, wobei diese Orte zum Sicherungsbereich der Kampfgruppe Krumbholz beziehungsweise zum Admiral Deutsche Bucht gehörten. Die linke Grenze des Einsatzraumes bildete das südliche Elbufer. Durch diese eindeutige Abgrenzung waren bereits am 22. April 1945 die jeweiligen Einsatzabschnitte zwischen der Marineführung und dem Ems-Korps klar dokumentiert.

4. Die Artillerie der Kampfgruppe

Ab dem 22. April erhielt die Kampfgruppe Krumbholz Artillerieverstärkung zur Durchführung ihres Auftrags. Vier Batterien wurden sofort zur Hamme-Oste-Linie transportiert, neu zugeordnet, umbenannt und organisatorisch in zwei Gruppen zusammengefasst:

  • Marine-Batterie Nr. 17 (aus der Batterie Altenwalde / vormals M.A.A. 114): Ausgerüstet mit 4 × 15,5-cm K 418(f); Einsatzraum: Heessel – Wohlenbeck.
  • Marine-Batterie Nr. 3 (aus der Batterie Nückel - Wesermünde / vormals M.Fla.A 244): Ausgerüstet mit 5 × 11,4-cm 1.R.H. 362(r); Einsatzraum: nordwestlich Bremervörde.
  • Marine-Batterie Nr. 13 (aus der schweren Flak-Batterie Broesum - St. Peter Ording / vormals M.A.A. 124): Ausgerüstet mit 4 × 7,5-cm Vickers (Beutewaffen); Einsatzraum: nördlich Hechthausen.
  • Marine-Batterie Nr. 14 (aus der schweren Flak-Batterie Westereck - Balje Kedingen / M.Fla.A. 294): Ausgerüstet mit 4 × 7,5-cm Vickers (Beutewaffen); Einsatzraum: Hechthausen.

Die Munitionszuteilung war exakt vorgegeben: Für die Altenwalder Batterie (Marine-Batterie Nr. 17) waren 250 Schuss je Rohr vorgesehen, für die übrigen Batterien jeweils 1.000 Schuss je Rohr. Darüber hinaus sollte sämtliche vorhandene panzerbrechende Munition vollständig mitgeführt werden.


VI. 23. April - Allgemeine Lage

Am 23. April 1945 um 18:00 Uhr gab das Generalkommando Ems A.K. seine Tagesmeldung ab. Aus der anfänglichen Lagebeurteilung ging hervor, dass der Feind seinen Angriff am Nordufer der Weser in Richtung Bremen voraussichtlich fortsetzen würde. Ebenfalls rechnete die Führung mit weiteren Angriffen aus dem Raum westlich von Scheeßel sowie mit einem Vorgehen gegen die Oste bei Bremervörde und Hechthausen. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch nicht abzusehen, ob die alliierten Truppen ihre Offensiven über die Linie Elsdorf – Zeven und den nördlich davon gelegenen Bereich wieder aufnehmen würden.

In den Nachmittagsstunden des 23. April bombardierten kleinere feindliche Verbände erneut Stadtteile von Bremen, während die alliierte Artillerie die Stützpunkte im Hauptkampffeld mit zusammengefasstem Feuer belegte. Ein massiver Schwerpunktangriff erfolgte nordwestlich von Verden aus dem Abschnitt Achim – Baden mit starker Unterstützung durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe. Hierbei drang der Gegner bis zu einer Linie nördlich von Oyten und südlich von Bassen vor. Die dort eingesetzten deutschen Einheiten erlitten schwere blutige Verluste, sodass das verbliebene infanteristische Gerippe der Abwehrfront nur noch dazu ausreichte, schwache Stützpunkte zu besetzen. Trotz gegnerischer Vorstöße entlang der Straße Verden – Rotenburg, durch die die eigenen Kräfte abgedrängt wurden, gelang es dem Stützpunkt Eversen standzuhalten und dem Gegner die Nutzung dieser wichtigen Verbindung weiterhin zu verwehren.


Im Abschnitt Rotenburg und nördlich davon führte der Gegner zahlreiche Angriffe mit jeweils 5 bis 10 Panzern durch, um in Richtung Mulmshorn durchzustoßen. Nach erbitterten Kämpfen wurde die deutsche Stützpunktlinie im Bereich Westerholz – Hetzwege – Abbendorf um 3 bis 4 Kilometer nach Westen zurückgedrängt. Vorstöße im Raum Zeven und an der Sperrlinie Twister Aue bis Bargstedt konnten hingegen abgewiesen werden. Dennoch drangen einzelne feindliche Panzerspähwagen bis zur Straße Zeven – Bremervörde vor, und Fernspähtrupps stellten gegnerische Aufklärungskräfte auf der Linie Buxtehude – Moorende – Borstel – Horneburg bis südöstlich von Stade fest. Am Abend verlief die Hauptkampflinie von Bollen über Mahndorf, Oyterdamm, Bassen, Eversen und Rotenburg bis Elsdorf, Offensen und an die Twister Aue bei Bargstedt.


Zur Verstärkung der Front wurde die bisher der Kampfgruppe Grosan angehörige Kampfgruppe Deiche und Koppe mit einer Stärke von 360 Mann im Raum Stade gesammelt und der 15. Panzergrenadier-Division unterstellt, um die Sperrlinie von Bargstedt nach Stade zu verlängern. Von der ursprünglichen Kampfgruppe Grosan lag seit dem Abend des 22. April keine Meldung mehr vor. Neu zuzuführende Verbände waren noch nicht eingetroffen; das 1. Bataillon des Grenadier-Regiments Neumünster mit 240 Mann befand sich im behelfsmäßigen Pendel-Kraftfahr-Verkehr und wurde erst für den Abend des 24. April im Abschnitt der Division Nr. 172 erwartet. Zudem wurde der äußere Verteidigungsring für Bremen zwischen dem Kampfkommandanten Bremen und der Division Nr. 172 festgelegt, welcher vom Nordrand Borgfeld über Rockwinkel sowie entlang der Autobahn bis südlich Oyterdamm, Uphusen und dem Weserbogen nördlich Horstedt verlief.
Das Alarmbataillon 755 (von 6.M.E.A.Sylt) wird Admiral Deutsche Bucht als A.D.B.-Reserve unmittelbar unterstellt und nach Warstade verlegt.


Im Laufe der Tageskämpfe wurden insgesamt 9 feindliche Panzer, 3 Panzerspähwagen und 8 motorisierte Fahrzeuge vernichtet oder erbeutet. Bei Hellwege landete ein feindliches Flugzeug not, dessen Pilot gefangengenommen wurde, und es wurden 3 weitere Gefangene eingebracht. Als Nachmeldung zum 22. April wurde der Verlust von mehreren Geschützen durch Feindeinwirkung oder Sprengung verzeichnet, darunter Rohre der Marine-Batterie, des Artillerie-Ausbildungs-Regiments 22 und des Werfer-Ausbildungs-Regiments 2. Schließlich erging vom Feind eine schriftliche Aufforderung zur Übergabe der Stadt Zeven, welche die deutsche Führung umgehend mit zusammengefasstem Artilleriefeuer beantwortete.


1. (23. April) Kampfgruppe Stade

Parallel zur Kampfgruppe Krumbholz entstand ein zweiter wichtige Schwerpunkt nach Osten, die Kampfgruppe Stade. Kommandeur der Einheit waren der Fliegerhorst- und Kampfkommandant von Stade, Oberst Neudörffer sowie Major Konrad Zeller vom KSB (Kampfsicherungsbereich) Stade.
Die Personalstärke betrug anfangs ungefähr 450 Mann, im weiteren Verlauf wurde sie auf ca. 650 Mann in fünf Kompanien aufgestockt.


Die Kampfgruppe sollte Stade und den dazugehörigen Fliegerhorst so lange wie möglich gegen einen Angriff aus Süden und Osten absichern und sich bei einem Feinddurchbruch ggf. von Stadersand aus über die Elbe absetzen.
Ihre Verteidigungslinie verlief ungefähr von Horneburg westwärts bis zur Oste. Ihr gegenüber stand vor allem die 7th Armoured Division („Desert Rats“). Der überlegene Gegner verfügte über Panzer, Infanterie sowie eine zahlenmäßige Überlegenheit.

Damit war Stade ein weiterer vorgeschobener Eckpfeiler der Verteidigung zwischen Elbe und Oste.


VII. 24. April – der Gegner kommt aus Richtung Zeven

Späte Abendstunden 23.04 und Nachtverlauf


Unter anhaltendem, konzentrischem Druck in den späten Abendstunden kämpften sich die geschwächten eigenen Kräfte aus dem Raum zwischen Bassen und Rotenburg auf die Brückenköpfe südlich des Wümmeabschnittes (Sagehorn, Sagehorner, Egypten, Wümmingen, Hellwege sowie bis zur Eisenbahnbrücke 5 km südwestlich von Rotenburg) zurück. Im Abschnitt Rotenburg – Zeven verlief die Nacht bei beiderseitiger Aufklärungstätigkeit ruhiger.


Ganztägige Luft- und Artillerieaktivitäten


Im gesamten Tagesverlauf hielt die feindliche Lufttätigkeit mit Bombenabwürfen an, insbesondere über dem Nordteil von Bremen sowie dem Flugplatz Rotenburg. Feindliche Bereitstellungen mit Panzern westlich von Scheeßel wurden durch wirkungsvolles Feuer, vornehmlich des Werfer-Ausbildungs-Regiments 2, bekämpft. An der Südwestfront des Brückenkopfes nahm die feindliche Artillerietätigkeit spürbar zu.


Mittag und Nachmittag: Kämpfe um Zeven und Vormarsch nach Südwesten


Gegen Mittag trat der Gegner ostwärts von Zeven mit starker Luftwaffe, einem Regiment und 30 Panzern zum Angriff an. Nach vierstündigen, erbitterten und für beide Seiten verlustreichen Straßenkämpfen ging der Ort Zeven verloren. In den Mittagsstunden wurde das neu zugeführte I./G.R. Neumünster der 15. Panzer-Grenadier-Division unterstellt, während sich das II./G.R. Lübeck zu dieser Zeit in Breddorf sammelte.


In den Nachmittagsstunden setzte der Gegner seinen Angriff aus Zeven heraus mit Nachschwerpunkt nach Südwesten fort und erreichte die Linie Oldendorf – Ostrand Großes Holz (2 km westlich von Zeven). Eigene Gegenstöße blieben im schweren feindlichen Artilleriefeuer und Jagdbomberbeschuss liegen.


Gefechte an der Ostfront Bremens und am Wümmeabschnitt


An der Ostfront von Bremen stieß der Feind über Mahndorf bis an den Westrand von Arbergen vor. Mehrfache eigene Gegenstöße kamen im schweren feindlichen Artilleriefeuer zum Erliegen.


Im Wümmeabschnitt gelang es dem Gegner, die eigenen Brückenköpfe Sagehorn und Sagehorner an die Eisenbahnlinie sowie den Brückenkopf Wümmingen über die Wümme zurückzudrücken. Feindliche Vorstöße gegen den Brückenkopf Egypten, starke Angriffe gegen Hellwege sowie Panzervorstöße nordwestlich von Rotenburg wurden hingegen abgewiesen.


Nördliche Aufklärung und feindliche Panzerdurchbrüche


Starke gepanzerte feindliche Aufklärung mit insgesamt 45 gepanzerten Fahrzeugen durchstieß die Twiste-Aue-Sperrstellung im Abschnitt Anderlingen – Bargstedt. Der Gegner drang dabei bis zur Linie Grafel – Anderlingen – Byhusen – Kutenholz – Bargstedt vor. Nördlich von Harsefeld wurde zudem ein feindlicher Brückenschlag gemeldet.

Die deutsche Reaktion: Sprengung

Um einen raschen Durchbruch der Feindkräfte zu verhindern, erhielt der Marine-Festungspionierstab "Hoeland" den Auftrag, die Sprengvorbereitungen zu beschleunigen.

Besonders davon betroffen waren Straßen, Brücken, Übergänge und Sperrobjekte.


Die vorbereitete Sperrzone lag vor der sogenannten
„Grünen Linie“. Die Kampfgruppe Krumbholz erhielt ausdrücklich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Sprengbefehle schnellstmöglich an die einzelnen Objekte ausgeführt würden.

Die rechte Begrenzung des Abschnitts wurde ungefähr über Kuhstedt – Gnarrenburg – Rhade – Rockstedt – Goldenstedt festgelegt.

Die linke Begrenzung führte über Grafel – Oldendorf – Heinböckel und Schwinge.

Bis zum 24. April waren aber noch längst nicht alle Sprengobjekte fertig vorbereitet worden. Um dies zu beschleunigen sollten sofort eingewiesene Sprengkommandos eingesetzt werden, notfalls unter Hinzuziehung des Volkssturms.


VIII. 25. April – erste Umgruppierungen

In den Nachtstunden 25.4. lag langanhaltendes und schweres Artilleriefeuer auf dem Hauptkampffeld des Verteidigungsbereichs um Bremen. Dem Gegner gelang ein Einbruch in Osterholz und ein Durchstoß bis zum Friedhof sowie bis zum Reichsbahnausbesserungswerk nördlich von Arbergen. Am Wümmeabschnitt drängte der Gegner die an der Bahnlinie bei Sagehorn und südlich von Fischerhude stehenden Stützpunkte auf die Wümme zurück. Der Stützpunkt Egypten wurde auf den Bahnhof Ottersberg zurückgedrängt. In für die eigenen Truppen verlustreichen Kämpfen gelang es dem Gegner auch, den zäh verteidigten Brückenkopf Hellwege auf die Wümme zurückzudrängen. Im Abschnitt zwischen Rotenburg und Zeven gab es beiderseitige Aufklärungstätigkeit und feindliches Artilleriefeuer mit Schwerpunkt nordwestlich von Rotenburg sowie südwestlich und westlich von Zeven. Da eine Fernsprechverbindung nicht möglich war, wurde diese Morgenmeldung als Fernschreiben aufgegeben.

Im weiteren Tagesverlauf bis 18 Uhr setzte der Gegner seine stark von Artillerie und Luftwaffe unterstützten Angriffe gegen Bremen zur völligen Gewinnung der Stadt und über die Linie Rotenburg Zeven fort. Mit großer Materialüberlegenheit an Artillerie, Panzern, darunter auch Schwimmpanzer und Flammenwerferpanzer, sowie starker Luftwaffe führte der Gegner seine Angriffe gegen die Ostfront und Südostfront von Bremen fort und stieß bis zum inneren Verteidigungsring vor. Am Nachmittag gelang dem Gegner in Fortsetzung seines Angriffs, einen ein Kilometer tiefen und 1,5 Kilometer breiten Einbruch in den inneren Verteidigungsring hart nördlich der Weser durchzführen. Dieser Einbruch konnte jedoch abgeriegelt werden, am Wümmeabschnitt wurden feindliche Aufklärungsvorstöße mit Panzern erfolgreich abgewiesen.

Im Abschnitt Rotenburg Zeven griff der Gegner mit Schwerpunkt aus dem Raum nordwestlich von Scheeßel mit starker Unterstützung durch Artillerie, Panzer und Luftwaffe nach Nordwesten an. Nach erbitterten und verlustreichen Kämpfen drang der Gegner über Hesedorf und Gyhum bis nach Wehldorf vor, wo am Spätnachmittag noch gekämpft wurde. Die Ortschaft Wistedt, 5 Kilometer südostwärts von Zeven ging verloren. Erkannte Bereitstellungen und Erkundungsvorstöße im Raum um Zeven deuteten auf einen bevorstehenden Nachtangriff hin.
Die östlich der Oste und nördlich von Zeven eingesetzten Sperrkommandos und Panzerjagdkommandos wurden durch starke gepanzerte Aufklärung auf das Westufer der Oste zurückgedrängt. Das 2. Bataillon des Grenadierregiments Lübeck wurde der Division zur besonderen Verwendung Nummer 172 unterstellt. Im Laufe der Kämpfe wurden 3 feindliche Panzer und 2 feindliche Panzerspähwagen abgeschossen. Auf eigener Seite wurde eine leichte Feldhaubitze des Artillerieregiments 22 von feindlichen Panzern überrollt.


Im Verlauf des Tages wurde die Lage noch kritischer. Die Kampfgruppe Krumbholz erhielt weitere Aufgaben zur Vorbereitung der Sperren und zur Erkundung von Rückzugsmöglichkeiten. Besonders wichtig waren die Übergangsmöglichkeiten über die Oste bei Basbek und Geversdorf, sowie bei  Wischhafen über die Elbe. Zu dieser Zeit waren dort bereits Pioniere im Einsatz um die Arbeiten voranzubringen. Bis zum 28. April sollten Verladerampen für schwere Fahrzeuge bis zehn Tonnen fertiggestellt werden, um für den Fall eines Rückzuges bzw. einer großräumigen Verlegung vorbereitet zu sein.


XIII. 26. April - Der Zusammenbruch der Weserfront

In der Nacht auf den 26. April gingen die dramatischen Gefechte an der norddeutschen Front mit unverminderter Härte weiter. Der Gegner griff mit Infanterie und Panzern den deutschen Sperriegel an der Bahnlinie von Bremen nach Rockwinkel an und stieß über Rockwinkel in Richtung Oberneuland durch. Die deutschen Verteidiger errichteten daraufhin einen neuen Sperriegel in der Linie Haltepunkt Lehe, Ostrand Lehesterdeich und Ostrand Katrepel. Während es im Abschnitt der Wümme sowie zwischen Rotenburg und der Oste abgesehen von beiderseitigen Aufklärungsvorstößen und Störungsfeuer der Artillerie ruhig blieb, befand sich das Regiment Neumünster mit zwei Bataillonen, einer Pionierkompanie und einer Panzerzerstörkompanie auf dem Behelfsmarsch von Cuxhaven in den Versammlungsraum Rhade, Glimstedt und Hanstedt.


Am frühen Morgen um 6.00 Uhr schlug die britische Offensive im Raum Zeven voll zu. Die englische Gardepanzerdivision trat mit massiver Unterstützung durch Artillerie, Panzer und Luftwaffe zum Angriff nach Westen und Südwesten an. In harten Kämpfen stießen die feindlichen Kräfte über die Bade bei Badenstedt bis nach Ostertimke vor. Gleichzeitig drang der Feind im Raum nordostwärts von Rotenburg aus der Richtung Gyhum gegen Nartum vor und versuchte über die Linie Brüttendorf, Oldendorf und den Forst Grosses Holz bei Zeven durchzubrechen. Feindliche Aufklärungsgruppen erreichten am Unterlauf der Oste bereits die Linie Goldenstedt und Minstedt. Im Bereich der Reichsautobahn griffen 15 feindliche Panzer in den Abendstunden aus Gyhum nach Südwesten an und besetzten Bockel. Bei diesen Gefechten wurden drei feindliche Panzer bei einem eigenen Verlust abgeschossen.


Im Stadtgebiet von Bremen spitzte sich die Lage im Laufe des Tages extrem zu. Der Gegner drang mit weit überlegener Unterstützung von Panzern, Artillerie und Luftwaffe auf beiden Ufern der Weser weiter nach Nordwesten vor und erreichte die Stadtmitte. Südlich der Weser durchbrach der Feind die aufgebauten Sperriegel und stieß bis Strom und Rablinghausen durch, während er nördlich des Stroms bis nach Gröpelingen gelangte. Letzte Teile der Verteidiger standen im Bereich Schwachhausen bis in die Abendstunden in schweren Straßenkämpfen und Häuserkämpfen. Um 21.50 Uhr meldete der Kampfkommandant von Bremen aus seinem Gefechtsbunker, dass die Infanterieangriffe zwar abgeschlagen wurden, aber keine Munition mehr vorhanden sei und er nur noch mit den allerletzten Teilen halte.


Angesichts des drohenden Zusammenbruchs erließ das Generalkommando Ems A.K. am 26. April 1945 seinen Korpsbefehl Nummer 15. Um einer Aufspaltung der Front und einer tiefen Umfassung durch stärkere feindliche Kräfte bei Bremervörde zu entgehen, ordnete die Führung das abschnittsweise Zurückkämpfen hinter den Hamme Oste Kanal an. Die Division z.b.V. Gilbert sollte den Übergang des Feindes über die Lesum zwischen Vegesack und Ritterhude verhindern und erhielt dafür das erste Bataillon des Marinebataillons 280. Der Kampfkommandant von Bremen hatte den Durchbruch entlang der Weser gegen die untere Lesum zu verhindern und am äußeren Verteidigungsring bei Borgfeld den Anschluss an die Division z.b.V. 172 zu halten, welche die Südflanke am Wümme Abschnitt schützte.


Die Division 480 erhielt den Befehl, sich bei zunehmender Bedrohung ihrer linken Flanke auf die Linie südostwärts Stuckenborstel, Sottrum und den Lauf der Viste zurückzukämpfen. Die verstärkte 15. Panzergrenadierdivision sollte das weitere Vordringen des Feindes auf Nartum verhindern und einen Durchbruch westlich von Zeven unterbinden. Ihr wurde das unbewegliche Grenadierregiment Neumünster unterstellt. Als neue Hauptkampflinie erkundeten die Truppen die Linie Fischerhude, Quelkhorn, Buchholz, Dipshorn, Bülstedt, Ostertimke und Badenstedt, die auf das Stichwort Hubertusjagd besetzt werden sollte. Zum Ende des Tages wurde der Korpsgefechtsstand nach Hambergen verlegt, während die 15. Panzergrenadierdivision ihren Standort in Gnarrenburg bezog. Nicht mehr benötigte Versorgungstruppen wurden nach Westen abgeschoben. Die Tagesbilanz wies die Vernichtung von 19 feindlichen Panzern, 10 Panzererspähwagen, 4 Lastkraftwagen und einem Kraf
trad aus.

Der entscheidende Unterstellungswechsel am Ostflügel des Frontabschnittes

In der Nacht zum 26. April wurde bei Oberst Krumbholz bekannt, dass das Gen.Kdo.Ems A.K. XXXI kurzerhand seine bisher vom Admiral Deutsche Bucht aufgestellte und geführte Kampfgruppe übernommen hatte. Diese Meldung ließ sich der Kommandant dann auch noch einmal expliezit vom MOK Nord bestätigen, aber es war so. Damit war die Kampfgruppe Krumbholz praktisch vom Marineverband in die Heeresführung übergegangen und somit unterstellt. Die Entscheidung hierführ war durch den Oberbefeglshaber Nord, Generalfeldmarschall Ernst Busch gefällt worden, welcher das höchste Kommando im Bezug der Verteidigung in Norddeutschland hatte. Mit dieser Maßnahme der Unterstellung war das Gen.Kdo. A.K.Ems alleinig für die Verteidigungsline vor den Festungen Wesermünde, Brunsbüttel und Cuxhaven verantwortlich.

Noch am selben Tag kam es zu einer wichtigen Truppenverschiebung. Das zuvor als Reserve eingesetzte Alarmbataillon 735 wurde aus dem bisherigen Einsatz herausgezogen. Unter Zurücklassung schwacher Sicherungen wurde es in den Abschnitt zwischen Gnarrenburg und Bremervörde verlegt. Diese plötzlich klaffende Lücke wurde notdürftig durch die 1. Kompanie des Inselbataillon 351 gestopft. Zusätzlich erhielt die Kampfgruppe Krumbholz eine Kompanie aus der Festung Cuxhaven.

Parallel dazu wurde das grundsätzliche Problem immer größer. Die Festungen sollten eigentlich mit Wesermünde 5 Bataillonen, Cuxhaven 4 Bataillonen und Brunsbüttel 8 Bataillonen gesichert  werden. Gleichzeitig wurden aber immer mehr Kräfte für die Hamme-Oste-Linie benötigt. Der Admiral Deutsche Bucht machte deshalb wiederholt darauf aufmerksam, dass die Festungen durch die Abgabe ihrer Pioniere und Kampfeinheiten immer schwächer wurden.

Hier liegt lag auch das Kernproblem für den grundlegenden Widerspruch. Das Ems-Korps benötigte Marinekräfte für die Landfront und die Marine benötigte dieselben Kräfte für die Verteidigung ihrer Festungen.

Seit Beginn des Monats April 1945 wurden bereits 24  Infanterie - Bataillone (davon 7 Festungsbataillone) und 12 Artillerie Batterien an die Landfront abgegeben. Gleichzeitig fehlten für die eigentlich befohlenen Kampfstärken der Festungen jedoch genau diese Einheiten.


X. 26. - 27. April – Beurteilung der Übersetzmöglichkeiten über die Flüsse von West nach Ost.

Im Vorwege zu erwartender Transportmöglichkeiten über die Flüsse Elbe und Weser, wurden grundlegende Anordnungen durch das Marineoberkommando Nord (MOK Nord) und den Oberbefehlshaber Nordwest (Ob.Nordwest) getroffen. Ziel war es, die täglichen Übersetzleistungen  bei reibungslosem Ablauf zu kalkuliert. Hierbei kam heraus:

Elbe

  • Cuxhaven–Brunsbüttel: 170 LKW, 160 PKW, 7.500 Mann.
  • Geversdorf / Neuhaus–Brunsbüttel: Zusammen 2.000 Mann (erhöht sich bei Eintreffen der 5. Minensuchflottille/Fährprahmflottille um 600 LKW und 600 Mann).
  • Wischhafen–Glückstadt / Wewelsfleth: 56 LKW, 320 bespannte Fahrzeuge, 600 Pferde, 2.800 Mann.
  • Wischhafen–Kollmar: 600 Mann (reiner Mannschaftstransport).

Weser

  • Blexen–Wesermünde: 5.000 Mann.
  • Nordenham–Wesermünde: 100 LKW, 8 Panzer, 1.400 Mann.
  • Kleinensiel–Dedesdorf: 180 LKW, 6.500 Mann.
  • Brake–Sandstedt: 3.600 Mann (nach Fertigstellung der Anlegestelle auch 140 LKW und 3.600 Mann).
  • Elsfleth–Wesermünde: 1.200 Mann.
  • Weserdeich–Farge: 600 Mann.
  • Motzen–Blumenthal: 1.200 Mann.

XI. 27. April – Lagebeurteilung des Ems Korps

Am 27. April erstattete das Generalkommando des Ems Korps mit Stand um 18.00 Uhr die Tagesmeldung über die militärische Lage. Am Vormittag hielt sich der Bunker des Kampfkommandanten im Raum Bremen noch bis 11 Uhr. Während des gesamten Tages beschränkte sich der feindlichen Krfte im Raum Bremen, an der Wümme sowie im Abschnitt nordwestlich von Rotenburg auf Aufklärungsvorstöße. Auch am Abschnitt der Oste bis südlich von Bremervörde führte der Gegner lediglich Aufklärungs und Erkundungsvorstöße durch.

Das Hauptgewicht der Angriffshandlungen des Gegners lag im Raum Zeven. Dieser setzte seine Angriffe aus diesem Raum nach Westen und Südwesten fort. Das Ziel des war die Besetzung der letzten Nord Süd Straße zwischen Tarmstedt und Rhade vor dem Oste Abschnitt. Nach der Besetzung dieser Straße beabsichtigte der Gegner, durch einen Vorstoß auf Bremen den nach Südosten vorspringenden Frontbogen des Korps zum Einsturz zu bringen. Die Kämpfe um Nartum verliefen wechselvoll, am Ende ging der Ort an die Briten verloren. Angriffe auf Winkeldorf wurden abgewiesen. Gegen Kirchtimke trat der Gegner mit einem durch 60 Panzer verstärkten Regiment sowie mit starker Unterstützung von Artillerie und Luftwaffe an. Der Angreifer schloss die Besatzung von Kirchtimke ein und besetzte den Ort nach 5 stündigem Häuserkampf.

Westlich von Zeven gelang ihm nach Kämpfen ein Einbruch in Ostereistedt, wo um 18.00 Uhr die Häuserkämpfe noch anhielten. In den Nachmittagsstunden griff der Gegner nordwestlich von Zeven vergeblich gegen Rockstedt an. Die Hauptkampflinie verlief von der Mündung der Lesum in die Weser bei Vegesack über den Bereich 1,5 Kilometer südlich von Ritterhude und den Verlauf der Wümme bis Ottersberg, weiter über Stuckenborstel, Winkeldorf, Steinfeld, Westertimke, Ostereistedt und Rockstedt bis zur Oste mit Anschluss an das 86. Armeekorps bei Altenesch.

Die im Raum Zeven eingesetzte 15. Panzergrenadierdivision verlor am 26. April bei Ostertimke und Badenstedt sowie am 27. April bei Kirchtimke jeweils die Masse eines Panzergrenadierbataillons. Die Division verhinderte den Durchbruch des Gegners auf Tarmstedt und vernichtete am 27. April insgesamt 19 Panzer. Zur Verstärkung versammelt sich das Grenadierregiment Lübeck mit Regimentseinheiten und einem Bataillon aus Cuxhaven sowie einem Bataillon aus Brunsbüttel im Raum nordwestlich von Bremervörde bei Ebersdorf, Armstorf und Großenhain. Das Bataillon aus Brunsbüttel wird in der Nacht vom 27. zum 28. April 1945 übergesetzt, wobei die Versammlung voraussichtlich bis zum 29. April dauert. Die 15. Panzergrenadierdivision vernichtete oder erbeutete während ihrer Zugehörigkeit zum Ems Korps vom 21. bis zum 27. April 1945 insgesamt 82 Panzer, 17 Panzerspähwagen, 25 Lastkraftwagen und 1 Flugzeug. In der gesamten Einsatzzeit vom 22. März bis zum 27. April 1945 zwischen Rhein und Elbe vernichtete die Division insgesamt 250 Panzer und Panzerspähwagen.

Unterstellung des Seekommandanten Elbe-Weser unter das Ems-Korps

Parallel dazu vollzog sich ein weiterer bedeutsamer Wechsel in der Truppenführung. Bereits mit Wirkung zum 27. April 1945 um 00:00 Uhr wurde die Landkampfführung des Seekommandanten Elbe-Weser (Konteradmiral Rolf Johannesson) operativ dem Ems-Korps bzw. der übergeordneten Armeegruppe Blumentritt unterstellt. Erst vier Tage später am 01.05. traf der schriftliche Befehl beim MOK. Nord ein.

Räumliche Abgrenzung: Die Sonderrolle von Brunsbüttel

Für das Verständnis der unterschiedlichen Weisungslagen im Elbe-Mündungsgebiet ist eine organisatorische Trennung entscheidend. Während der Seekommandant Elbe-Weser (und damit die Bereiche Cuxhaven und Wesermünde/Bremerhaven) dem Ems-Korps unterstellt wurde, verblieb die strategisch wichtige Festung Brunsbüttel auf der nördlichen Elbseite außerhalb dieser Befehlskette. Sie wurde stattdessen dem Generalkommando Korps Witthöft (G.d.I. Joachim Witthöft) zugeteilt.


XII. 28 April - Rückzug und Neugruppierungen

In der Nacht vom 27. auf den 28. April besetzten die Einheiten des Generalkommandos Ems Armeekorps die Hauptstellung östlich des Hamme Oste Kanals und leiteten Vorbereitungen für ein weiteres hinhaltendes Absetzen hinter diesen Kanalabschnitt ein. Der Korpsbereich erstreckte sich über die Abschnitte zwischen der Weser, dem Hamme Oste Kanal und der Elbe. Im Laufe des 28. April verlief das Gefechtsgeschehen im Bereich des Stellungsbogens zwischen Bremen und Tarmstedt stellenweise ruhiger als an den vorausgegangenen Tagen. Die gegnerischen Kräfte rückten am Lesum Abschnitt mit ihren vordersten Teilen bis in den Raum Grambke und Burg vor. Durch Aufklärungsergebnisse wurde bekannt, dass die englische 43. Infanteriedivision sowie vermutlich die gegnerische 9. Panzerdivision aus dem Raum nördlich der Weser abgezogen wurden. Zudem stellte die gegnerische Garde Panzerdivision ihren Angriff vorübergehend ein, was auf die erlittenen Verluste in den Kämpfen der Vortage gegen die 15. Panzergrenadierdivision zurückgeführt wurde. Auf der gesamten Korpsfront wurden jedoch Umgruppierungen des Gegners beobachtet, sodass gegen Abend mit dem Abschluss dieser Bewegungen und der Wiederaufnahme starker Angriffe in Richtung Tarmstedt und Rhade gerechnet wurde.

Im Abschnitt Bremen schob sich die britische Armee südostwärts der Lesum näher an die Lesum Stellungen und südlich von Lilienthal an den Wümme Abschnitt heran, wobei der Angreifer sein Artilleriefeuer verstärkte. Nordwestlich von Rotenburg drängte der Gegner die Gefechtsvorposten über Vorwerk nach Westen zurück. Schwächere Vorstöße erfolgten über Westertimke nach Südwesten sowie gegen den Wald nordöstlich von Hepstedt und gegen Rockstedt. Am späten Nachmittag führte der Gegner einen starken und mit massiver Panzerunterstützung vorgetragenen Angriff auf Bülstedt durch. Dadurch wurde die dortige Besatzung nach Westen zurückgedrängt. Im Raum südwestlich von Zeven stieß der Angreifer aus Kirchtimke nach Südwesten und Westen vor und drückte die Front auf die Stützpunkte Tarmstedt und Hepstedt zurück. Schwächere Angriffe des nordwestlich von Kirchtimke konnten abgewiesen werden. Ebenso wurden kompaniestarke Angriffe mit Panzerunterstützung bei Rockstedt erfolgreich abgewehrt. Ein gepanzerter Aufklärungsvorstoß bei Sandbostel etwa 8 km südlich von Bremervörde an der Oste wurde zerschlagen. Den gesamten Tag über meldete die Aufklärung starke Truppenansammlungen und Panzerbewegungen der Briten aus Süden, Südosten und Osten auf die eigene Front im Raum Kirchtimke und Ostereistedt. Dagegen gab es im Abschnitt zwischen Bremervörde und der Elbe keinerlei Berührung mit dem Feind. Im Verlauf der Tageskämpfe wurden 3 Panzer und 2 Panzerspähwagen des Angreifers abgeschossen.

Am 28. April 1945 erließ das Generalkommando Armeekorps Ems unter General der Infanterie Rasp den Korpsbefehl 16. Auf das Stichwort "Gotenzug" sollten die Division 172, die Division 480 und die 15. Panzergrenadierdivision hinhaltend kämpfend auf den Hamme Oste Kanal ausweichen. Das Nachdrängen des Gegners sollte durch Sperren und Zerstörungen so lange wie möglich verzögert werden. Es wurden kleine Brückenköpfe auf dem Ostufer des Kanals vorgesehen, unter anderem bei Ritterhude, Tietjens Hütte, südwestlich von Hüttenbusch sowie bei Gnarrenburg. Die Division Gilbert übernahm die Vorbereitung der Weserfront von der Huntemündung bis zur Lesummündung. Die neu unterstellte Kampfgruppe Krumbholz verteidigte die Linie an der Oste und zwischen Osten und Krautsand mit artilleristischer Unterstützung im Raum Bremervörde. Ihr wurde die Kampfgruppe Cremer (Korvettenkapitän Peter-Erich Cremer) im Raum Stade unterstellt. Die Flakabteilungen 390, 531, 473 und 267 der 8. Flakdivision wurden den jeweiligen Abschnitten zur Abwehrunterstützung zugewiesen. Der neu unterstellte Brigadestab Goltsch unter Generalmajor Goltsch erkundete einen Gefechtsstand in Mittelstenahe, um die Befehlsübernahme im Abschnitt der Kampfgruppe Krumbholz vorzubereiten. Das Grenadierregiment Lübeck ohne sein drittes Bataillon wurde als Korpsreserve im Raum Ebersdorf, Armstorf und Großenhain versammelt.

Die 2. Marine Infanteriedivision wurde mit allen Teilen aus der Front herausgezogen und im Raum Osterholz Scharmbeck und Beverstedt versammelt. Gemäß Sonderbefehl schied diese Division aus dem Verband des Generalkommandos Ems Armeekorps aus, um per Eisenbahntransport, Kraftfahrzeugen und Landmarsch über die Elbe verlegt zu werden. Die entsprechenden Transport und Marschbewegungen in Richtung Cuxhaven liefen in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945 an. Des Weiteren erfolgten organisatorische Umbenennungen bei unterstellten Truppenteilen. Das zweite Bataillon des Grenadierregiments Lübeck wurde in drittes Bataillon des Grenadierregiments Lübeck umbenannt und der Division 172 unterstellt. Das erste Bataillon des Grenadierregiments Neumünster wurde in drittes Bataillon des Grenadierregiments Neumünster umbenannt und der 15. Panzergrenadierdivision unterstellt. Für den 28. April wurden zudem Gefechtsstände im Korpsbereich festgelegt. Die Division 172 befand sich bei Lüningsee, die Division 480 bei Worpswede, die 15. Panzergrenadierdivision bei Brillit, die Kampfgruppe Krumbholz bei Hollen 12 km nördlich von Bremervörde, die 8. Flakdivision bei Wellen 11 km nördlich von Hambergen und der Brigadestab Goltsch bei Wallhöfen 4 km nordöstlich von Hambergen. Bis zum 29. April um 20.00 Uhr sollten die beteiligten Divisionen ihre neuen Gefechtsstände für die Hamme Oste Stellung melden.


XIII. 29. April – Erwartung weiterer Angriffe nach Norden und Nordwesten

Am Tag verlief die Lage an der Südfront zunächst ruhig. Aufklärungen zeigten eine schwache Besetzung durch den Gegner bei Lehesterdeich und Borgfeld acht Kilometer nordöstlich von Bremen. Im Laufe des Tages drängte der Angreifer durch schwächere Aufklärungsvorstöße die eigenen Gefechtsvorposten auf der Hauptkampflinie zwischen Rautendorf, Tarmstedt und Rhade zurück. Südlich und ostwärts von Bremervörde wurden den ganzen Tag über Bereitstellungen und stärkere Bewegungen von gepanzerten Fahrzeugen des Gegners erkannt.

In den Nachmittagsstunden griff der Gegner überraschend das stark besetzte Tarmstedt mit 30 Panzern und starker Infanterie an und stieß bis zum Westrand durch. Nachdem zwei Erkundungsvorstöße des Angreifers gegen die Brückenstelle Sandbostel gescheitert waren, griff er mit stärkerer Artillerie und Panzerunterstützung an. Dabei drang der Gegner in Bataillonsstärke bis zum Gefangenenlager einen Kilometer westlich von Sandbostel vor. Ein Parlamentär, der zur Übergabe der 22000 Gefangenen in dieses Lager abgesandt worden war, kehrte nicht zurück. Gepanzerte Aufklärungsgruppen des Angreifers stießen aus Bargstedt nach Westen und Norden vor und drängten die eigenen Sicherungen auf die Linie der Brückenköpfe bei Bremervörde, Kutenholz und Schwinge zurück. Besonders ostwärts der Aue im Raum Horneburg und südlich davon warf der Gegner die eigenen Sicherungen über den Fluss zurück, wobei ostwärts von Horneburg 40 gepanzerte Fahrzeuge gemeldet wurden. Im Verlauf der Kämpfe wurden 2 Panzer und 2 Panzerspähwagen des Angreifers vernichtet.

In der Nacht vom 28 auf den 29 April begann der Abtransport von Teilen der zweiten Marineinfanteriedivision nach Cuxhaven. Bis auf Störungsfeuer durch die Artillerie des Gegners auf Lesum und Lilienthal verlief diese Nacht an der Südfront ruhig. Ostwärts von Tarmstedt und Rhade deuteten Erkundungsvorstöße, zunehmendes Artilleriefeuer, starke Panzergeräusche und erkannte Bereitstellungen des Angreifers in den Waldstücken auf einen bevorstehenden Angriff hin. Ein Vorstoß durch Pioniere des Gegners an der Brückenstelle Sandbostel und erkannte Bereitstellungen mit Panzern, Panzerspähwagen und Infanterie im Waldstück nordostwärts von Sandbostel ließen auch dort weitere Angriffe erwarten. Ansammlungen des Angreifers im Raum um Bevern unterstützten diese Einschätzung. Die Gefechtsvorposten in Rhadereistedt wurden durch einen kompaniestarken Angriff des Gegners nach Westen zurückgedrängt. Der Abschnitt Bremervörde meldete zudem Artilleriefeuer des Angreifers auf die Stadt.

Erkundung und Ausbau der Verteidigungslinien (Gelbe und Blaue Linie)

Am 29. April wurde die Erkundung rückwärtiger Verteidigungsstellungen offiziell angeordnet. Nachdem der Stellungsbaustab Weidemann zuvor bereits die sogenannte Grüne Linie erkundet hatte, wurden sämtliche Planungs- und Vermessungsunterlagen an das Generalkommando Ems-Armeekorps (Ems-A.K.) übergeben. Dieser Schritt markierte einen klaren Übergang der operativen Verantwortung für die Verteidigungsplanung in den Bereich des Ems-Korps.

Um den Ausbau unverzüglich voranzutreiben, erhielt der neu eingesetzte Festungspionierstab 36 (Fest.Pi.Stb. 36) den Befehl, die neuen Verteidigungslinien – die Gelbe und die Blaue Linie – zu erkunden und sofort mit den Baumaßnahmen zu beginnen.

Noch am selben Tag kam es zu einer wichtigen Truppenverschiebung. Das zuvor als Reserve eingesetzte Alarmbataillon 735 wurde aus dem bisherigen Einsatz herausgezogen. Unter Zurücklassung schwacher Sicherungen wurde es in den Abschnitt zwischen Gnarrenburg und Bremervörde verlegt. Diese plötzlich klaffende Lücke wurde notdürftig durch die 1. Kompanie des Inselbataillon 351 gestopft. Zusätzlich erhielt die Kampfgruppe Krumbholz eine Kompanie aus der Festung Cuxhaven.

Parallel dazu wurde das grundsätzliche Problem immer größer. Die Festungen sollten eigentlich mit Wesermünde 5 Bataillonen, Cuxhaven 4 Bataillonen und Brunsbüttel 8 Bataillonen gesichert  werden. Gleichzeitig wurden aber immer mehr Kräfte für die Hamme-Oste-Linie benötigt. Der Admiral Deutsche Bucht machte deshalb wiederholt darauf aufmerksam, dass die Festungen durch die Abgabe ihrer Pioniere und Kampfeinheiten immer schwächer wurden.

Hier liegt lag auch das Kernproblem für den grundlegenden Widerspruch. Das Ems-Korps benötigte Marinekräfte für die Landfront und die Marine benötigte dieselben Kräfte für die Verteidigung ihrer Festungen.

Seit Beginn des Monats April wurden bereits 24  Infanterie - Bataillone (davon 7 Festungsbataillone) und 12 Artillerie Batterien an die Landfront abgegeben. Gleichzeitig fehlten für die eigentlich befohlenen Kampfstärken der Festungen jedoch genau diese Einheiten.


XIV. 30. April – die Front ist schwer angeschlagen

Am Morgen des 30. April griff der Gegner mit Panzern bei Rautenberg an. Der Angreifer stieß dabei bis einen Kilometer südlich von Heidberg vor und erreichte die dortige südliche Brücke. Infanteriekräfte des Gegners setzten ihren Vorstoß in Richtung Trupenmoor fort. Die eigene Division 172 versuchte den Angreifer an der Wörpe aufzufangen. In den frühen Morgenstunden erfolgte zudem ein überraschender Angriff mit starker Panzerunterstützung gegen den eigenen Brückenkopf in Bremervörde. Der Gegner stieß dort bis zum Ostufer der Oste vor. Die verteidigende Besatzung in Bremervörde wurde dabei bis auf schwache Reste aufgerieben. Im Raum Bremen konnte ein kleiner gegnerischer Stoßtrupp gefangen genommen werden. Eisenbahnbrücken und Straßenbrücken bei Bremervörde wurden im weiteren Verlauf gesprengt.

Im Laufe des Tages erhöhte der Angreifer den Druck auf die Verteidigungslinien. Südwestlich von Tarmstedt deuteten Aufklärungsvorstöße des Gegners entlang der Straße nach Wörpedorf auf weitere Angriffe hin. Zwischen Lilienthal und dem Gebiet westlich von Tarmstedt nahm das gegnerische Artilleriefeuer auf Straßenkreuze und Brücken stetig zu. Die Orte Tarmstedt und Hepstedt gingen an den Gegner verloren. Um den Ort Breddorf wurde nach einem gegnerischen Angriff durch ein Bataillon mit Panzerunterstützung noch gekämpft. Auch Hesedorf fiel in die Hand des Angreifers. Bei Sandbostel gelang dem Gegner die Bildung eines kleinen Brückenkopfes auf dem westlichen Ufer der Oste. Südlich von Stade fand den ganzen Tag über eine rege gepanzerte Aufklärung durch den Angreifer statt. Eigene Sicherungen mussten dort auf eine neue Linie zurückweichen. Gegen 19.00 Uhr erfolgte ein weiterer Einbruch des Gegners mit Infanterie und Panzern in Wörpedorf. Dieser Einbruch konnte vorerst abgeriegelt werden.

Am frühen Abend gegen 18.00 Uhr meldete die Führung ein erhebliches Absinken des Widerstandswillens in der eigenen Truppe. Dies wurde sachlich mit der allgemeinen Lage sowie mit kursierenden Kapitulationsgerüchten erklärt. Um der unübersichtlichen Situation zu begegnen, übernahm das Generalkommando Ems die vollständige Führung im Raum zwischen Weser und Elbe. Als Reaktion auf die gegnerischen Durchbrüche wurde ein Rückzug namens "Gotenzug" befohlen. Dieser geordnete Rückzug sollte um 22.30 Uhr beginnen. Das erklärte Ziel dieser Operation war es, den nachfolgenden Gegner so lange wie möglich zu verzögern. Zur weiteren Stabilisierung bereitete die 15. Panzergrenadierdivision die Übernahme des Befehls im Abschnitt beiderseits Bremervörde vor.

Die strategische Situation in den Frontabschnitten war dramatisch. Der alliierte Durchbruch über die Lüneburger Heide hatte sich über Harburg – Buxtehude – Zeven nach Westen verlängert, weiterhin war Bremen gefallen.

Der Gegner stand mit starken Kräften vor der Hamme-Oste-Linie. Gleichzeitig waren bereits zwei Divisionen aus dem Raum zwischen Ems und Weser bzw. Weser und Elbe nach Osten abgezogen worden. Die deutsche Front wurde dadurch erheblich geschwächt. Das Monatsfazit des Admirals DB. war eindeutig: Die vorgelagerte Linie konnte den Gegner zwar noch eine gewisse Zeit aufhalten, aber bei einem konzentrierten Angriff würden die verbliebenen Kräfte kaum ausreichen.

Die Stärkeübersicht des Generalkommando Ems A.K. am 30.04.1945 umfasste insgesamt 16.319 Kräften:

537 Offiziere
3.025 Unteroffiziere
12.757 Mannschaften
= 16.319

Davon entfielen allein auf die Kampfgruppe Krumbholz:

53 Offiziere
552 Unteroffiziere
2.060 Mannschaften
= 2.665 Mann

Die nominelle Stärke von über 16.000 Mann darf allerdings keinesfalls mit einer entsprechenden Frontkampfkraft erfahrener Kräfte gleichgesetzt werden. Ein erheblicher Teil dieser Truppe bestand aus Marine-, Sicherungs-, Flak-, Pionier-, Stabs-, Ersatz- und sonstigen Dienststellen, die nicht über ausreichende Kampferfahrung verfügte.


XV. 1. Mai – Der Gegner stößt langsam vor

Am 01. Mai wurde um 04.45 Uhr die Morgenmeldung über Funk abgegeben, da die Fernsprechverbindungen gestört waren. Im gesamten Frontabschnitt nördlich von Bremen bis südlich von Bremervörde drängten gegnerische Kräfte die Einheiten gegen die Hamme Oste Stellung zurück. Zahlreiche hinhaltend kämpfende schwächere Kampfgruppen hielten sich noch östlich dieser Stellung und sperrten wichtige Zugänge. Aus dem Raum Bremervörde wurden am Morgen lediglich Artillerie Störungsfeuer und geringe Aufklärungstätigkeiten gemeldet. Südwestlich von Stade stieß der Gegner mit gepanzerter Aufklärung über die Schwinge bis in den Vorort Wiepenkathen vor. In den Wäldern südöstlich von Helmste südlich von Stade wurde eine starke Bereitstellung von 50 Panzern und verlasteter Infanterie beobachtet. Aufgrund dieser Truppenansammlungen wurde für die Morgenstunden mit einem gegnerischen Angriff auf Stade gerechnet.

Im weiteren Verlauf des Tages fühlte der Gegner durch das Moorgelände auf die Hamme Oste Stellung vor. Im Vorfeld dieser Stellung zwischen Vegesack und Hüttenbusch verlief der Tag bei schwachem Artillerie Störungsfeuer vergleichsweise ruhig. Den vorgeschobenen Stützpunkt Rhade 18 Kilometer südlich von Bremervörde griff der Gegner nach einer zweistündigen Vorbereitung durch Artillerie an und warf die dortige Besatzung auf Glinstedt zurück. Die anschließenden Angriffe der gegnerischen Einheiten gegen Glinstedt und gegen einen weiteren Stützpunkt 2 Kilometer südlich davon scheiterten. Aus dem Brückenkopf Sandbostel heraus rückte der Gegner mit 2 Kompanien und einzelnen Panzern nach Norden vor. In mehrstündigen Häuserkämpfen wurden die eigenen Gefechtsvorposten nach Norden zurückgedrängt, woraufhin die Ortschaften Mintenberg und Minstedt verloren gingen.

Während der Tag im Raum Bremervörde abgesehen von Artillerie Störungsfeuer vermutlich einer Abteilung und lebhaftem Fahrzeugverkehr auf der Straße zwischen Hesedorf und Bremervörde ruhig blieb, intensivierte der Gegner seine Aktionen bei Stade. Aus dem Raum Schwinge 8 Kilometer südwestlich von Stade stießen stark gepanzerte Aufklärungsgruppen des Angreifers nach Norden und Nordosten vor und drangen in Stade ein. Die Lage in der Stadt blieb am Abend zunächst unklar. Östlich beziehungsweise westlich von Stade erreichte der Gegner den Ort Düdenbüttel 8 Kilometer westlich von Stade. Im Zuge der Kämpfe in diesem Abschnitt konnte 1 Panzerspähwagen des Gegners vernichtet werden.

Das Generalkommando Ems fasste die Lage am Abend zusammen. Der Gegner fühlte an mehreren Stellen im Moorgelände zwischen Bremen und Bremervörde vor, besetzte den Stützpunkt Rhade und drängte aus dem Brückenkopf Sandbostel weiter nach Nordwesten. Mit dem Einmarsch gegnerischer Panzer in Stade verstärkte sich der Druck auf die gesamte Region. Die genaue Operationsabsicht des Angreifers im Gebiet zwischen Weser und Elbe war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar zu erkennen. Es wurde jedoch mit der Versammlung gegnerischer Kräfte für einen bevorstehenden starrkeren Angriff auf die Mitte des Korpsabschnitts gerechnet. Das Korps verteidigte weiterhin die Hamme Oste Stellung und versuchte, den Vormarsch des Gegners im Moor sowie im Raum Stade zu verzögern.

Zur Festigung der Verteidigung wurden umfassende organisatorische Maßnahmen angeordnet. Die 15. Panzergrenadier Division übernahm ab dem 02. Mai um 10.00 Uhr den Befehl im Abschnitt beiderseits Bremervörde gemeinsam mit dem Marine Alarm Bataillon 753, dem Marine Insel Bataillon 351 und der Marine Artillerie Gruppe Bachner mit ihren 5 Batterien. Zudem wurden neue Abschnittsgrenzen zwischen der verstärkten 15. Panzergrenadier Division und der Brigade Goltzsch festgelegt. Die Sperrbrigade 1100 sowie das Marine Festungs Pionier Bataillon 360 wurden dem Korps Pionier Führer für Sperrmaßnahmen zwischen Bremervörde und der Elbe unterstellt. Das Landesbau Pionier Bataillon 20 erhielt den Auftrag, Sperrungen im Raum Beverstedt, Großenhain, Bederkesa und am Ostrand des Festungsbereichs Wesermünde vorzubereiten.

Mehrere Artillerie Einheiten wurden aus der Unterstellung des Korps gelöst und per Sonderbefehl auf das Nordufer der Elbe verlegt. Zahlreiche bisher im Korpsabschnitt eingesetzte Verbände wie die Kampfgruppe Grosan, verschiedene Grenadier Ausbildungs Bataillone, Einheiten der Schutzstaffel, Marine Bataillone und weitere Formationen wurden offiziell für aufgelöst erklärt. Die verbliebenen Soldaten und Splitterelemente dieser Truppenteile wurden in die Einheiten eingegliedert, bei denen sie sich im Zuge der bisherigen Kämpfe befanden. Die Anordnungen des Tages wurden vom Kommandierenden General Rasp gezeichnet.


XVI. 2. Mai – Bremervörde fällt

Am 2. Mai 1945 um 08.00 Uhr schloss die 2. Marine Infanterie Division das Übersetzen von Restteilen des Grenadier Regiments 7 ab. Der weitere Transfer der restlichen Teile der Division sollte voraussichtlich bis zum 4. Mai andauern. Um 09.00 Uhr nahm der Gegner bei geringem Widerstand die Stadt Bremervörde ein und stieß bis an den Westrand von Glinde vor. Dort fiel Kommandeur Oberst Krumbholz der gleichnamigen Kampfgruppe in diesem Abschnitt, woraufhin Major von Wieck die Führung übernahm. Den gesamten Tag über führte der Angreifer in diesem Abschnitt Verstärkungen in Form von 50 Panzern und verlasteter Infanterie nach. Ein gegnerischer Einbruchsraum wurde schließlich auf einer Linie von Engeo über den Ostrand von Oerel und den Südrand von Mehedorf bis zum Südrand von Hönau abgeriegelt.

Aus dem Raum Bremervörde trat der Gegner zum Durchbruch nach Westen an. Sein Ziel war Wesermünde, um die Truppen des Generalkommandos Ems einzuschließen. Weitere starke Bewegungen des Angreifers mit 20 Panzern wurden im Raum Minstedt, Bevern und Hesedorf verzeichnet. Zwischen Oste und Elbe verfolgte der Gegner die Absicht, bis zur Elbmündung südlich von Brunsbüttel durchzustoßen. Damit sollte die wichtige Seeverbindung zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel ausgeschaltet werden. Aus dem Raum Stade griff der Gegner mit stark gepanzerten Stoßgruppen nach Norden an und drängte die Verteidiger auf die Linie Grosswürden, Neuländer Moor und den Südrand von Assel zurück.

Nordwestlich von Bremen herrschte Ruhe, während im Raum Grambke Burg Brückenmaterial bereitgestellt wurde. Im Vorfeld der Hamme Oste Stellung kam es zu Kämpfen um einzelne vorgeschobene Stützpunkte. Der Ort Hüttenbusch, 10 Kilometer südostwärts von Hambergen, ging dabei an den Gegner verloren. Gegenangriffe aus Hanstedt und Rhade in Richtung Glinstedt wurden abgewiesen. Dabei wurden 6 Gefangene der neu aufgetretenen 130. Brigade der 43. englischen Infanterie Division eingebracht. Ein gegnerischer Panzer wurde im Tagesverlauf abgeschossen. Auf der anderen Seite liefen 3 Unteroffiziere und 17 Mannschaften der Division Nummer 480 zum Angreifer über. Die Stabsquartiere befanden sich in Loxstedt 9 Kilometer südostwärts von Wesermünde und 1 Kilometer ostwärts von Hinnebeck.

Ein Nachtrag zur Tagesmeldung mit Stand 18.00 Uhr befasste sich abschließend mit der Lage der Zivilbevölkerung hinter der Front. Feststellungen ergaben, dass kein Widerstandswille mehr vorhanden war. An verschiedenen Stellen versuchte die Bevölkerung, die Truppe bei der Vorbereitung von Verteidigungsmaßnahmen zu behindern. Die Menschen erwarteten das Ende des Krieges so schnell wie möglich und ohne weitere Opfer. Auch örtliche Parteistellen teilten diese Einstellung und besaßen keine Wirkungsmöglichkeit mehr. Lediglich der Offizier besaß als Träger der Ordnung noch Vertrauen im Volk. Es wurde jedoch gemeldet, dass auch diese Stellung in Frage gestellt sei, falls nicht sofort eine entscheidende Lösung gefunden würde. Die Bevölkerung bezeichnete das bedeutungslose Weitertreiben der Ereignisse als Verbrechen.

Mit der Einnahme von Bremervörde und der dortigen Brücken, begann letztendlich der eigentliche Zusammenbruch der Hamme-Oste-Verteidigungsstellung. Im Kriegstagebuch Adm.Nord steht dazu lapidar: „Bremervörde genommen“. Der Gegner stieß weiter nach Norden bis Glinde vor, gleichzeitig lag Hechthausen unter starkem feindlichen Artilleriefeuer. Die deutsche Ostflanke war bis etwa Großenwörden – Südrand Assel zurückgedrängt worden. Damit war die ursprüngliche Hamme-Oste-Linie praktisch durchbrochen. Die neu vorbereitete Gelbe Linie,  wird jetzt zur entscheidenden Stellung vor Wesermünde.


XVII. 3. Mai – Zusammenbruch der Hamme-Oste-Stellung

Am 3.Mai herrschte in den frühen Morgenstunden im Abschnitt nordwestlich von Bremen bis südlich von Bremervörde zunächst Ruhe. Westlich von Bremervörde setzte der Angreifer seine Angriffe auch während der Nacht fort und drang nach erbitterten Häuserkämpfen in den Nordostteil von Oerel ein. Im Brückenkopf laufend Zufuhr von Verstärkung meldend drängte der Angreifer nordostwärts von Bremervörde aus Elm heraus vor und zwang eigene Sicherungen bei Behrste über die Oste auszuweichen. Im Raum Stade war eine stärkere Fliegertätigkeit zu verzeichnen.


Mit starken Kräften im Angriff überquerte der Angreifer Bremervörde und war bis zur Linie Barchel ostwärts von Frelsdorf bis Grossenhain vorgedrungen, wobei er anscheinend die Absicht verfolgte nach Wesermünde durchzubrechen. Das Emskorps verhinderte diesen Durchbruch auf Wesermünde sowie Bederkesa und wich mit dem rechten Flügel in den Festungsbereich Wesermünde aus, um eine neue Korpsfront aufzubauen. Ab 22 Uhr begannen die Divisionen sich auf eine neue Linie von Offenwarden über Hagen und Lohe und Wellen bis Kirchwistedt und Appeln abzusetzen. Nachttruppen verblieben bis zum Tagesanbruch in ihren bisherigen Stellungen, um die Bewegung zu verschleiern und den Nachfolgenden zu verzögern, bevor sie hinhaltend kämpfend auf die neue Linie zurückgenommen wurden.


Am Nachmittag gegen 18 Uhr zeigte sich, dass der Angreifer mit der 51. englischen Infanteriedivision und einer Panzerbrigade einen Durchbruch nach Wesermünde und über Bederkesa nach Nordwesten anstrebte. Aus dem Einbruchsraum Bremervörde griff der Gegner mit starker Artillerie und Luftwaffenunterstützung nach Westen und Nordwesten an und traf auf heftigen Widerstand der 15. Panzergrenadierdivision bis südlich Barchel und Westrand Hipstedt. Nach vermutlich hohen Verlusten setzte der Gegner den Angriff fort, drängte schwächere eigene Kräfte über Ebersdorf und Grossenhain bis hart südostwärts Meckelstedt zurück und führte einen Artillerieaufmarsch mit Trommelfeuer durch.


Am Abend des 3. Mai war der Angreifer über die Linie Barchel und Hipstedt nicht weiter vorgedrungen. Über Grossenhain war er am Abend gegen Lintig vorgestossen, während die Lage dort unklart blieb. Zwischen Oste und Elbe ging der Angreifer nicht weiter vor, doch musste mit einem starken Stoss auf Bederkesa gerechnet werden. Das Korps Ems bereitete daraufhin mit dem rechten Flügel das Absetzen auf den äußeren Verteidigungsring der Festung Wesermünde vor, während die Truppen sich auf neue Befehle vorbereiteten, um den Abmarsch und die Einnahme der neuen Stellungen zu regeln.

Nachdem Bremervörde gefallen und die ursprüngliche Hamme-Oste-Stellung praktisch durchbrochen war, meldete der Chef der 5. Sicherungsdivision, Kapitän zur See Thoma seiem Vorgesetzten Admiral Deutsche Bucht, dass der Gegner bereits nicht mehr weit von Wesermünde entfernt stehe. Der Admiral setzte sich daraufhin mit dem Oberbefehlshaber MOK Nord, Admiral Förste in Verbindung. Seine Einschätzung, das Ems-Korps unter General der Infanterie Rasp verfüge nur noch über geringe Reserven und werde den Gegner vermutlich nicht mehr lange von Wesermünde fernhalten können.

Am Nachmittag meldete der Seekommandant Elbe-Weser,
Konteradmiral Johannesson von seinem Gefechtsstand bei Wesermünde die Sicherheitsbesatzungen der Festungen Wesermünde und Cuxhaven seien durch das Vorwerfen von Einheiten auf Befehl des Korps Rasp zur Besetzung der Gelben Linie erheblich geschwächt worden.


XVIII. 4. Mai – Die letzte Verteidigung

Am 4. Mai meldete das Generalkommando Ems A K in seiner Morgenmeldung an die Armeegruppe Blumentritt die Lage im Bereich des Korps. Der rechte Flügel des Korps war ohne stärkeren Druck des Gegners auf die bereits in der Tagesmeldung vom 3. Mai angegebene Linie zurückgenommen worden. Damit war die bisherige Front im rechten Korpsabschnitt weiter nach Westen beziehungsweise Süden verlegt worden. Gleichzeitig wurden im Einbruchsraum westlich Bremervörde stärkere Bewegungen des Gegners festgestellt. Dort konnten feindliche Aufklärungsvorstöße beobachtet werden.

Nordwestlich von Bremervörde, im Raum um Meckelstedt, hatte sich der Gegner unter Heranführung gepanzerter Verstärkungen weiter geschlossen und drang mit seiner Aufklärung in Richtung Bederkesa vor. Der Bereich stand zu diesem Zeitpunkt unter sehr starkem gegnerischem Artilleriefeuer. Die Meldung deutet damit auf eine zunehmende Konzentration gegnerischer Kräfte im Raum zwischen Bremervörde und Bederkesa hin. Der Vormarsch des Gegners wurde durch gepanzerte Verstärkungen unterstützt und richtete sich insbesondere gegen den Raum Bederkesa.

Auch weiter südlich und östlich davon blieb die Lage angespannt. Im Raum Hechthausen wurde starkes gegnerisches Artilleriefeuer festgestellt. Gleichzeitig herrschte im gesamten Abschnitt zwischen der Oste und der Elbe eine lebhafte gegnerische Aufklärungstätigkeit. Damit erstreckten sich die Bewegungen des Gegners nicht nur auf den unmittelbaren Einbruchsraum westlich von Bremervörde, sondern auf einen größeren Abschnitt bis zur Elbe. Die Meldung vermittelt insgesamt das Bild einer zunehmenden Aufklärung und eines verstärkten Heranführens gegnerischer Kräfte entlang der westlichen und nordwestlichen Zugänge zum Korpsbereich.

Für den weiteren Verlauf der Front wurden am Morgen des 4. Mai die Abschnittsgrenzen zwischen den unterstellten Verbänden festgelegt beziehungsweise bestätigt. Zwischen der Division zur besonderen Verwendung Gilbert und der Division Nr 480 verlief die Grenze über Eggestedt, das der Division Gilbert zugeordnet war, Lehnstedt für die Division 172, die Straßengabel im Westteil von Hagen für die Division Gilbert, Driftsethe ebenfalls für die Division Gilbert und Stotel für die Division 172. Dabei war die Division 172 in diesem Bereich teilweise zur Verstärkung der Division Gilbert herangezogen worden.

Zwischen der Division Nr. 480 und der 15. Panzergrenadierdivision verlief die Abschnittsgrenze über Hambergen, Oldendorf und Brunshausen, die der Division Nr. 480 zugeordnet waren, weiter über Deelbrügge für die 15. Panzergrenadierdivision und schließlich zur Straße Heer­stedt Wesermünde, die ebenfalls der 15. Panzergrenadierdivision zugeordnet war. Dadurch wird deutlich, dass sich die Verantwortungsbereiche der Verbände über den Raum südlich und westlich von Wesermünde bis in den Bereich Beverstedt und Bremervörde erstreckten.

Zwischen der 15. Panzergrenadierdivision und der Brigade Goltzsch lag die Grenze über Ringstedt, das der 15 Panzergrenadierdivision zugeordnet war. In der Tiefe des Korpsabschnittes war außerdem ein Riegel durch Teile der Division 172 eingerichtet beziehungsweise vorgesehen. Dieser verlief am Geeste Kanal. Bramel war von diesem Riegel ausgenommen, während Bederkesa in den vorgesehenen Bereich einbezogen wurde. Gerade die Einbeziehung Bederkesas in diesen rückwärtigen Riegel zeigt die Bedeutung des Ortes angesichts des gegnerischen Vorgehens aus dem Raum Meckelstedt.

Die Gefechtsstände der wichtigsten Verbände lagen am Morgen des 4. Mai weit auseinandergezogen im Korpsraum. Der Gefechtsstand der Division zur besonderen Verwendung Gilbert befand sich in Neuenlande Büttel, etwa 15 Kilometer südwestlich von Wesermünde. Die Division Nr. 480 hatte ihren Gefechtsstand in Freschluneberg, etwa 5 Kilometer westlich von Beverstedt. Der Gefechtsstand der 15. Panzergrenadierdivision lag in Donnern, etwa 10 Kilometer nördlich von Beverstedt. Die Division 172 befand sich mit ihrem Gefechtsstand in Drangstedt, etwa 14 Kilometer nordöstlich von Wesermünde. Die Brigade Goltzsch hatte ihren Gefechtsstand in Neuhaus, etwa 23 Kilometer östlich von Cuxhaven.

Die Morgenmeldung wurde um 6.30 Uhr durch Oberleutnant Depich durchgegeben. Zu diesem Zeitpunkt waren somit insbesondere der Raum westlich Bremervörde, der Abschnitt um Meckelstedt und Bederkesa sowie der Bereich Hechthausen und zwischen Oste und Elbe von verstärkter gegnerischer Aufklärung, Artilleriefeuer und der Heranführung gepanzerter Kräfte geprägt. Gleichzeitig war der rechte Flügel des Korps bereits auf die zuvor gemeldete Linie zurückgenommen worden und in der Tiefe wurde mit dem Riegel am Geeste Kanal eine weitere Sicherung des Korpsraumes vorbereitet beziehungsweise gehalten.

Gegen 16.00 Uhr kehrte ein auf Befehl des kommandierenden Admirals entsandter Spähtrupp aus dem Raum Lamstedt zurück. Er meldete, zwischen Basbeck und Lamstedt sei zwischen 14.00 und 15.00 Uhr kein Gegner festgestellt worden. Einige Straßenbrücken bei Basbeck waren gesprengt worden, wobei während des gesamten Zeitraumes nur ein Artillerieschuss gefallen sei.

Die Frontlage war somit nicht überall gleichmäßig zusammengebrochen, vielmehr gab es örtlich noch Lücken und Räume, in denen deutsche Kräfte operieren konnten.


XIX. 5. Mai – Waffenruhe

Am 5. Mai 1945 um 0.50 Uhr wurde ein Fernspruch durchgegeben, welcher den Beginn einer Waffenruhe gegenüber den alliierten Verbänden festlegte. Diese Waffenruhe sollte um 8.00 Uhr deutscher Sommerzeit in Kraft treten und umfasste alle Verbände des Heeres, der Kriegsmarine, der Luftwaffe und der Waffen-SS im Bereich der Niederlande, Friesland einschließlich West- und Ostfriesische Inseln und Helgoland, Schleswig-Holstein sowie Dänemark. Sämtliche unterstellten Truppen mussten diesen Befehl umgehend erhalten, mit Waffen in Stellung bleiben, keinerlei Zerstörungen, Schiffsversenkungen oder Kundgebungen vornehmen und alle Vorräte sichern. Gehorsam und Disziplin waren mit aller Strenge aufrechtzuerhalten und der Eingang des Befehls war sofort an das Armeeoberkommando zu melden.


Am Vormittag desselben Tages begab sich der kommandierende General des XXX. englischen Armeekorps gemeinsam mit dem Chef des Stabes, dem Kommandeur der 15. Panzergrenadierdivision, dem Ia und weiteren Offizieren zum Gefechtsstand der 51. englischen Infanteriedivision in Eberdorf. Dort fand zwischen 11.00 Uhr und 13.00 Uhr eine Besprechung in Anwesenheit des Kommandeurs der 51. englischen Infanteriedivision und weiterer gegnerischer Offiziere statt. Zu Beginn unterzeichnete der deutsche kommandierende General die vorgelegte Kapitulationsurkunde. Die Gegner übergaben daraufhin ihre ersten schriftlichen Anordnungen, welche erläutert wurden. Ein Versuch des Gen.Kdo. Ems, die Bewaffnung für Offiziere und Ordnungstruppen beizubehalten, um die Aufrechterhaltung der Disziplin sicherzustellen, scheiterte an der Ablehnung des Gegners.


Am Nachmittag wurde auf Wunsch des kommandierenden Generals des XXX. englischen Armeekorps eine weitere Besprechung im Hauptquartier des XXX. englischen Armeekorps ostwärts Bremervörde vereinbart, zu der der kommandierende General mit Chef des Stabes, Quartiermeister und Korps-Nachrichtenführer um 17.30 Uhr eintrafen. Als der deutsche kommandierende General gegenüber dem gegnerischen kommandierenden General betonte, dass von deutscher Seite noch keine Befehle für die Durchführung der Kapitulation vorlägen, antwortete dieser, dass er bei Nichtausführung seiner Anordnungen am 6. Mai um 6.00 Uhr die Feindseligkeiten wieder eröffnen werde. Er betonte zum Abschluss, dass er 3 Jahre lang mit Achtung vor Deutschland und ohne Hass gegen uns gekämpft habe, aber nachdem er in den letzten Tagen deutsche Konzentrationslager gesehen habe, sei seine Einstellung zu Deutschland tief erschüttert. Nach der Verabschiedung des gegnerischen kommandierenden Generals fanden Einzelbesprechungen zwischen den beiderseitigen Generalstabsoffizieren statt.


An allen Sperrobjekten sollten Zündungen und Sprengungen unterbleiben bzw. die entsprechenden Maßnahmen beendet werden, damit endete auch die operative Tätigkeit der Kampfgruppe Krumbholz.


Dtsch.Lagekarte vom 05.05.1945


Bewegung der Korps - Einheiten vom 18.04. bis 05.05.1945:

15. Panzergrenadier-Division

  • Rotenburg/Wümme
  • Zeven
  • Bremervörde
  • Glinde
  • Bederkesa
  • Ringstedt/Frelsdorf/Kirchwistedt/Wellen

Kampfgruppe Krumbholz

  • Aufstellung 22.04.
  • Hollen/Armstorf
  • Bremervörde/Glinde
  • Unterstellung unter Ems-Korps am 27.04.
  • Tod Krumbholz am 02.05.
  • Auflösung/Zerschlagung der Gruppe in den letzten Kriegstagen

Marine-Insel-Bataillon 351

  • Einsatz im Raum Bremervörde/Glinde
  • schwere Verluste
  • Meldung vom 03.05.: „völlig aufgerieben bzw. kampflos ergeben“

Alarm-Bataillon 753

  • Gnarrenburg–Bremervörde
  • Zusammenspiel mit M.I.B. 351

Alarm-Bataillon 755

  • Warstade
  • anschließend Dobrock

Alarm-Bataillone 747/748

  • Zuführung aus Sylt
  • Einsatz im Bereich Oste/Elbe-Weser

Alarm-Bataillon 4 / Cuxhaven

  • Hechthausen
  • später Teile in Krumbholz

Seekommandant Elbe-Weser

  • zunächst selbstständiger Marineführungsbereich
  • ab 29.04. unter Ems-Korps
  • schließlich verantwortlich für die Küsten-/Festungsräume bis Wesermünde/Cuxhaven

Brigade Goltzsch

  • Bederkesa–Balksee–Hemm–Freiburg

8. Flak-Division

  • Beverstedt
  • Geestenseth
  • Bederkesa

Marine-Festungspionier-Bataillon

  • Sprengungen
  • Grüne Linie
  • Übersetzstellen Weser/Elbe
  • Vorbereitung der Rückführung schwerer Waffen und Fahrzeuge

Quellen: Barch RH 24-208/3, Barch RM 45-II_124_KTB-Adm-DtschBucht _44-45