Das Generalkommando XXXI./Korps Ems im Elbe-Weser-Dreieck (April – Mai 1945)

Das Korps Ems (offiziell auch als Generalkommando XXXI. Armeekorps bezeichnet) war eine Ad-hoc-Formierung der deutschen Wehrmacht in der absoluten Endphase des Zweiten Weltkriegs. Es wurde im Frühjahr 1945 aufgestellt, um den alliierten Vormarsch in Nordwestdeutschland (vor allem durch kanadische und britische Truppen) zu verzögern und den norddeutschen Raum zu sichern. Sämtliche historische Daten basieren auf übergeordneten militärhistorischen Quellen sowie detaillierten Einsatztagebüchern, Befehlen und Truppenverschiebungen.


1. Aufstellung und Auftrag

Das Generalkommando entstand offiziell am 27. März 1945 im Wehrkreis X (Hamburg/Schleswig-Holstein) durch die Umbenennung des zu diesem Zeitpunkt in Aufstellung befindlichen Generalkommandos XXXI. Armeekorps. Der Name „Korps Ems“ leitete sich direkt von seinem primären Auftrag ab: der Verteidigung der Flusslinie der Ems und der Sicherung der norddeutschen Nordseeküste gegen die vorstoßende 21st Army Group der Alliierte


2. Führungskräfte, Personal und besondere Befehlsstruktur

Das Korps verfügte über keine reguläre, tiefgestaffelte oder voll ausgestattete Korps-Struktur mit schweren Korpstruppen (wie nennenswerten Artillerieabteilungen oder Pionieren). Es operierte stattdessen als improvisierter Stab zur Führung zusammengewürfelter Einheiten. Als einzige Korpstruppe stand ihm die Korps-Nachrichten-Abteilung Ems (teilweise auch als Korps-Nachrichten-Abteilung 431 geführt) zur Verfügung.

Die kommandierenden Generale:

  • General der Infanterie Siegfried Rasp: Führte das Korps als Kommandeur ab der Aufstellung vom 2. April 1945 bis zum 8. Mai 1945.

 

  • General der Infanterie Erich Straube: Übernahm die Führung ab dem 9. Mai 1945 nach der Kapitulation, um die geordnete Abwicklung, Entwaffnung und Demobilisierung zu leiten.

Offiziere des Stabes:

  • Chef des Stabes: Oberstleutnant i.G. Dr. Hans-Ullrich Meier-Welcker (Stand: 1. April - Mai 1945)

 

  • Ia 1. Generalstabsoffizier: Major i.G. Wilfried Hille (Stand: 15. April - Mai 1945)


  • Ic : Oberleutnant d.R Dr. Gustav Plath (Feindlage, Geograph)

  • IIa Major z.V. Otto Berndt (Adjutantur) (Mittelschulrektor)


  • III Oberstabsrichter d.R. Fritz Schwerdtfeger (Korpsrichter)

Unterstellung und Besonderheiten in der Befehlsstruktur:

Das Korps operierte im Auftrag des Führungsstabes Nordseeküste unter Feldmarschall Busch und war taktisch der Armeegruppe bzw. dem Armeestab Blumentritt unterstellt, welcher die Verteidigung zwischen Weser und Elbe koordinierte.

Um alle verfügbaren Kräfte an der Küste zu bündeln, änderte der Marineoberbefehlshaber Nord (Mok. Nord) ab dem 2. April 1945 die Gliederung. Dem Generalkommando des Korps Ems wurden der Bereich des Seekommandanten Ostfriesland sowie der Bereich des K.V.K. Groningen (Niederlande) für den Abwehrkampf auf dem Festland, den ostfriesischen Inseln und den vorgelagerten Bereichen taktisch unterstellt. Das Korps hatte den Auftrag, gemeinsam mit dem Admiral Deutsche Bucht (Vizeadmiral Kleikamp, ab 16. März) den Gegner koordiniert von See, Land und aus der Luft abzuwehren.


3. Unterstellte Einheiten und extreme Gliederungsdynamik

Die Zusammensetzung des Korps war extrem dynamisch und wechselte in den wenigen Wochen seines Bestehens nahezu täglich. Permanent wurden versprengte Einheiten, Volkssturm, Alarmbataillone der Marine und Ausbildungstruppen eingegliedert oder für andere Brennpunkte abgegeben. Große Teile des Personals stammten von Marine-Einheiten, die aufgrund der alliierten Luftüberlegenheit auf See mittlerweile an Land eingesetzt wurden.

Wesentliche Divisionen und Kampfgruppen:

  • 15. Panzergrenadier-Division: Bildete ab Mitte April das verbliebene mechanisierte, wenn auch stark angeschlagene und ausgeblutete Rückgrat des Korps.

 

  • 7. Fallschirm-Division: Zeitweise dem Korps unterstellt.

 

  • 2. Marine-Infanterie-Division: Im April zeitweise dem Korpsbereich zugeordnet. Ihr vormaliger Kommandeur, Vizeadmiral Ernst Scheurlen, verstarb tragisch am 8. April 1945 nach einem alliierten Tieffliegerangriff nahe Walsrode.

 

  • Division Nr. 490 (auch Division Gericke): Unter der Führung von Oberst Walter Gericke. Sie bestand primär aus Fallschirmjäger-Ersatzeinheiten und zugewiesenen Marineregimentern, darunter den Marine-Regimentern "West" (1, 2 und 3) an der Ems-Linie. Oft wurde sie auch als Teile der 21. Fallschirmjäger-Division bezeichnet.

 

  • Division Nr. 471 & Division z.b.V. Gilbert: Ersatzeinheiten des Wehrkreises X unter Generalleutnant Martin Gilbert, gebildet aus Stäben des Wehrkreises.

 

  • Division Nr. 480: Eine weitere Ersatzeinheit des Wehrkreises X.

 

  • Kampfgruppe Krumbholz: Ende April aus den Marine-Alarmbataillonen 747 und 748 sowie Marine-Insel-Bataillonen (z. B. M.I.B. 351) formiert.

 

  • Regionale Sperrverbände & taktische Anschlüsse: Die Kampfgruppe/Brigade Goltzsch, die Kampfgruppe Stade, der Kampfkommandant Bremen (vor dem Fall der Stadt organisatorisch im Einzugsbereich) sowie die Festungs-Brigade Cuxhaven, die in den letzten Kriegstagen im engeren Verteidigungsbereich der Elbe-Weser-Mündung taktisch eingesetzt war.

  • SS-Panzergrenadier-Ausbildungs-Bataillone 18 und 12


  • Werfer-Ausbildungs-Regiment 2

  • Ausbildungsverband „Feldherrnhalle“

Chronologisch erfasste Truppenbewegungen und Zuführungen (März – April 1945):

  • 29. März 1945: Abzug von zwei Alarmbataillonen (je 600 Mann) der 12. Marine-Ersatz-Abteilung (M.E.A.) Cuxhaven zur Frontverstärkung in den Raum Ostfriesland.

 

  • 1. April 1945: Verlegung des Festungsbataillons 361 aus Wesermünde in den Raum Sievern - Debstedt.

 

  • 4. April 1945: Der Mok. Nord befahl die sofortige Gesamtverlegung der 2. Marine-Kraftfahr-Ausbildungs-Abteilung (M.K.A.A.) Hülsen in den Raum Cuxhaven (unter Zurücklassung allen Lehrmaterials; nur Treibstoff und das für Fahrt und Kampf Notwendige wurden mitgenommen).

 

  • 6. April 1945 (Verstärkung wegen enormen Feinddrucks in den Raum Rotenburg/Wümme): Verlegung des Alarmbataillons 2 der 4. M.L.A. Wesermünde, des Alarmbataillons 4 (4 Kompanien) der M.S. Wesermünde sowie der Marine-Batterie Nr. 4 (4 x 7,5 cm) aus dem Abschnitt Wesermünde. Zudem wurden die Marine-Batterien Nr. 5 und Nr. 7 (jeweils 4 x 7,62 cm) aus dem Abschnitt Cuxhaven abgezogen.

4. Der Gefechtskalender: Von der Ems-Linie in das Elbe-Weser-Dreieck

  • Anfang April 1945 (Die Abwehrkämpfe an der Ems): Das Korps versuchte zunächst, die Ems-Linie zu halten. Ab dem 6. April erzwangen jedoch Einheiten der 4. kanadischen Panzerdivision bei Meppen und Haren den Übergang über den Fluss.

 

  • Mitte bis Ende April 1945 (Der Rückzug nach Osten): Unter schwerem alliierten Druck musste sich das Korps Ems schrittweise nach Nordosten zurückziehen. Der gesamte Rückzugsweg war durch die absolute alliierte Luftüberlegenheit geprägt. Tägliche Jagdbomber- und Tieffliegerangriffe auf Bahnhöfe, Truppenbewegungen, Transport- und Personalzüge und Schiffe behinderten die Logistik massiv. Die Kämpfe verlagerten sich über Ostfriesland und den Küstenkanal, vorbei an Friesoythe und dem Raum Cloppenburg, in Richtung Oldenburg und schließlich in das Elbe-Weser-Dreieck.

 

  • Ende April 1945 (Erbitterte Endkämpfe): In den Abschnitten Rotenburg (Wümme), Zeven, Bremervörde und im südlichen Bereich von Cuxhaven/Wesermünde kam es in der zweiten Aprilhälfte zu erbitterten und verlustreichen Abwehrgefechten. Trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit hielten die Kommandeure, getrieben von militärischem Pflichtgefühl, den Widerstand mit den verbliebenen, schlecht ausgerüsteten Marine-Sicherungseinheiten, dem Volkssturm und den Resten der 15. Panzergrenadier-Division aufrecht.

5. Kriegsende, Teilkapitulation und Auflösung

  • Die Teilkapitulation (4./5. Mai 1945): Am 4. Mai 1945 unterzeichnete die deutsche Führung auf dem Timeloberg bei Lüneburg die Teilkapitulation der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery. Diese trat am 5. Mai um 08:00 Uhr morgens in Kraft, woraufhin das Korps Ems alle aktiven Kampfhandlungen einstellte.

 

  • Das Internierungsgebiet (6. bis 9. Mai 1945): Die Reste des Korps Ems sowie die ihm taktisch angelehnten Verbände zogen sich in den von den Briten zugewiesenen Internierungsraum im Elbe-Weser-Dreieck (Raum Stade/Cuxhaven/Bremervörde) zurück.

 

  • Das endgültige Kriegsende (9. Mai 1945):  General der Infanterie Erich Straube übernahm planmäßig die Führung des Stabes. Er regelte die geordnete Entwaffnung und den Übergang der Truppen in die britische Kriegsgefangenschaft gegenüber den einrückenden alliierten Verbänden (darunter die 51st Highland Division und die Guards). Nach Abschluss der Demobilisierung im Mai 1945, wurde das Korps Ems endgültig aufgelöst.

Quelle: Barch RH 24-208/3