Einleitung

Die Operation Backfire war ein britisches Militärprojekt, das unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa ins Leben gerufen wurde. Das Hauptziel der Operation bestand darin, die gesamte Technologie und Montage der deutschen V-2-Rakete (Aggregat 4) vollständig auszuwerten, deutsches Fachpersonal zu befragen und schließlich selbst mehrere dieser Raketen über die Nordsee abzufeuern. Dadurch wollten sich die Briten das Wissen und die Fähigkeiten im Umgang mit ballistischen Lenkwaffen aneignen.

Der Wettlauf um die V-2-Technologie

Schon vor dem Ende der Kampfhandlungen begann unter den Alliierten ein Wettlauf um die Geheimnisse der deutschen Raketentechnologie. US-Truppen entdeckten im April 1945 das unterirdische "Mittelwerk" (Dora) mit tausenden V-2-Teilen. Die Amerikaner organisierten rasch die „Special Mission V-2“ und schafften unter der Leitung von Major James Hamill Teile für rund 100 komplette Raketen in die USA und ignorierten dabei britische Proteste, die eigentlich eine hälftige Teilung der Beute vorsahen.

Gleichzeitig sicherten die Amerikaner unter Major Robert Staver 14 Tonnen versteckter Peenemünde-Dokumente und brachten führende Wissenschaftler wie Wernher von Braun und General Walter Dornberger in ihre Gewalt.

Die britische Initiative: Entstehung von "Operation Backfire"

Auch die Briten, deren "Air Defense Division" (später als Special Projectile Operations Group, SPOG, formiert) bereits während des Krieges Abwehrmaßnahmen gegen die V-2 entwickeln musste, wollten die Rakete genau studieren. Ein britischer Offizier, J. C. C. Bernard, schlug vor, gefangene deutsche Raketensoldaten dazu zu zwingen, ihre Verfahren zur Handhabung und zum Start der V-2 durch tatsächliche Starts zu demonstrieren.

Am 22. Juni 1945 genehmigte US-General Dwight D. Eisenhower diese Testreihe. Das Kommando übernahm der britische Major-General Cameron. Es sollte eine umfassende militärische Untersuchung werden, die Vorbereitung, Treibstoffhandhabung, Flugsteuerung und den Start umfasste.

Text

General Walter Dornberger, der ehemalige Kommandant von Peenemünde, zögerte zunächst, kooperierte dann aber mit den Briten, um die Sicherheit seiner ehemaligen Truppen zu gewährleisten. Er gab Sicherheitsempfehlungen und benannte 30 qualifizierte Spezialisten. Aus gefangenen deutschen V-2-Feldtruppen wurde das Altenwalde Versuchskommando (AVKO) gebildet, Männer die Kampferfahrung mit den Raketen hatten.

Als Standort wählten die Briten den verlassenen deutschen Marine-Schießstand in Cuxhaven - Altenwalde. Dieser Ort war ideal, da er bereits über Radaranlagen, Gleisanschlüsse und eine gewisse Infrastruktur verfügte (zudem fanden dort bereits in den 1930er Jahren Amateur-Raketentests statt).

Die logistische Unterstützung war enorm: 2.000 kanadische Pioniere benötigten drei Wochen, um die V-2-Montageanlagen und Test-Hangars (darunter eine gut 90 Meter lange Halle mit einem 10-Tonnen-Kran) zu errichten. Aus Teilen einer Bailey-Militärbrücke bauten sie in nur zwei Wochen einen vertikalen Prüfstand.

Der Startplatz im Wernerwald

Der Raketenstartplatz sowie der Beobachtungsbunker wurden durch kanadische Pioniere in kürzester Zeit fertiggestellt. Dieser Ort lag nur wenige hundert Meter von Arensch aus am heutigen Hauptweg direkt im Wernerwald. Von diesem nah am Meer liegenden Areal aus konnten die Versuche ohne großes Risiko durchgeführt und die Flugkörper Richtung Nordsee geschossen werden.

Beschaffenheit:
Es handelte sich um eine massive, quadratische bis rechteckige Betonplatte. Da die V-2 beim Start auf einem Abschussring (dem sogenannten „Brennstand“) stand, der wiederum auf einem massiven Sockel ruhen musste, um das Gewicht von über 12 Tonnen und den enormen Schub des Triebwerks zu tragen, war die Platte entsprechend dick und stabil ausgeführt.

Vergleichsgröße: Historische Startplätze für V-2-Tests (wie in Peenemünde) hatten oft Abmessungen von etwa 15 × 15 Metern bis 20 × 20 Metern für die zentrale Startplattform.

Die heutige Senke: Die Vertiefung, die du heute im Wernerwald siehst, ist das Ergebnis des Rückbaus. Die Briten sprengten und entfernten den Beton nach der Operation Backfire vollständig. Die Senke wirkt heute oft etwas größer, da durch die Sprengung auch Erdreich bewegt wurde und die Ränder über die Jahrzehnte durch Erosion und Vegetation verwischt sind.

Was gehörte noch zum Startplatz?

Der betonierte Bereich war nur das Zentrum eines viel größeren Areals. Zur Durchführung eines Starts mussten folgende Komponenten Platz finden:

  • Zufahrtswege: Breite, befestigte Wege für den Meillerwagen (das etwa 15 Meter lange Transport- und Aufrichtfahrzeug).

  • Schutzbunker: In unmittelbarer Nähe (etwa 100 bis 150 Meter entfernt) befand sich der betonierte Beobachtungsbunker, dessen Trümmer noch heute im Unterholz liegen.

  • Abstellflächen: Für die Tankwagen mit flüssigem Sauerstoff und Ethanol, die während der Betankung in sicherem Abstand, aber nah genug an der Rakete stehen mussten.

Zusammenfassend: Die eigentliche betonierte Startfläche war vermutlich etwa so groß wie ein halbes Volleyballfeld, während die gesamte geräumte Waldfläche für die Logistik und Sicherheit mehrere hundert Quadratmeter umfasste. Die "Kuhle", die man heute sieht, markiert exakt das Zentrum dieser technisch-historischen Stätte.

Die Raketenstarts

Die Briten stellten fest, dass die Vorbereitung und der Start einer V-2 viel komplexer waren als zunächst angenommen. Neben der Rakete selbst wurde massiv viel Bodengerät benötigt. Erste Startversuche scheiterten: Ventile öffneten sich nicht und Zünder wurden vor der Zündung ausgeworfen, woraufhin die Raketen wieder enttankt werden mussten. Trotz britischer Skepsis ließen sich die deutschen Startmannschaften nicht entmutigen.


Letztendlich kam es zu drei protokollierten Starts:

1. Start am 2. Oktober 1945 (14:41 Uhr)

  • Ergebnis: Erfolgreich
  • Maximale Höhe: 69,4 km
  • Reichweite: 249,4 km
  • Detail: Dieser Start verlief bei strahlendem Sonnenschein perfekt und fand fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem ersten erfolgreichen deutschen Test in Peenemünde statt. Sowohl Briten als auch Deutsche jubelten über den Erfolg.

2. Start am 4. Oktober 1945 (14:16 Uhr)

  • Ergebnis: Triebwerksausfall nach dem Start
  • Maximale Höhe: 17,4 km
  • Reichweite: 24 km

3. Start am 15. Oktober 1945 (15:06 Uhr) – "Operation Clitterhouse"

  • Ergebnis: Erfolgreich
  • Maximale Höhe: 64 km
  • Reichweite: 233 km
  • Detail: Dieser letzte Start diente als Demonstration für Vertreter der USA, der Sowjetunion, Frankreichs sowie für Beamte und die Presse. Trotz schlechten Wetters (tiefe Wolken, 30 mph Wind) verlief der Start fehlerfrei. Unter den Zuschauern in Cuxhaven befand sich auch ein gewisser sowjetischer Oberst namens Sergei Koroljow. Der Mann, der nur zehn Jahre später als Chefkonstrukteur das sowjetische Raumfahrtprogramm (Vostok, Soyuz) anführen sollte.

Nachwirkungen und heutige Spuren

Nach Abschluss der Tests bauten die Briten alle Anlagen und Ausrüstungen wieder ab. Es gab unbestätigte Gerüchte, dass viele ungenutzte Raketenteile einfach in der Nordsee versenkt wurden. Die deutschen Soldaten und Techniker kehrten größtenteils ins zivile Leben oder vorerst in Kriegsgefangenenlager zurück. Das britische Kriegsministerium (War Office) veröffentlichte später einen detaillierten, 5-bändigen Bericht über die Operation.

Noch heute sind die Spuren der Operation Backfire im Wernerwald nahe des Mittelweges zwischen Arensch und Sahlenburg bei zu erkennen. Das Gebiet ist frei zugänglich, und obwohl viele neue Bäume gepflanzt wurden, ist die ursprüngliche Betonfläche des Startplatzes als tiefe Senke im Waldboden (durch die spätere Entfernung des Betons) sowie durch Überreste eines abgerissenen Beobachtungsbunkers im Unterholz noch immer sichtbar.